4. Der Übergang von einem System der Abschreckung zu einem System der politischen Friedenssicherung - 4.1. Die »Zeichen der Zeit« - Herausforderungen und Chancen für eine neue Friedensordnung
(1) Beim Anblick der Stadt Jerusalem, so berichtet es das Lukas-Evangelium,
ruft Jesus aus: »Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest,
was dir Frieden bringt (Lk 19,42).
Diese Mahnung gilt uns auch heute. Wir leben in einer Zeit des Übergangs,
in der die Abschaffung der Institutionen des Krieges in Europa und weltweit
geboten, vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte aber auch möglich
wird. Wir brauchen eine neue Friedensordnung, - und die Wege zu ihrer Realisierung
zeichnen sich ab: Verzicht auf den Einsatz militärischer Gewalt als Mittel
der Konfliktlösung, Abbau der immer unkontrollierbarer werdenden und nicht
länger zu verantwortenden Waffenarsenale und zugleich Entwicklung stabiler
politischer Instrumentarien des Interessenausgleichs, der Vertrauensbildung
und Stärkung des Bewußtseins der gemeinsamen Verantwortung. Dazu
wollen wir mit unseren Einsichten und mit unseren oft nur kleinen Schritten
in der Nachfolge Jesu beitragen.
(2) Ein Krieg heute in Europa würde zu allerschwersten Zerstörungen
der Existenzgrundlagen menschlicher Zivilisation, in Mitteleuropa voraussichtlich
zur Zerstörung des Lebens überhaupt führen. Mit großer
Wahrscheinlichkeit wäre eine globale nukleare Katastrophe die Folge. Wir
wissen, daß dennoch in unserer Welt unter Menschen noch nicht auf Androhung
und Ausübung von Gewalt verzichtet wird. Dieser Realität muß
auch die Bewertung der legitimen Sicherheitsinteressen von Völkern und
Staaten Rechnung tragen. So werden begrenzte militärische Fähigkeiten
in Europa noch auf längere Sicht bestehen. Unsere gegenwärtigen Sicherheitssysteme
und die Mittel zu ihrer Aufrechterhaltung sind allerdings Ausdruck einer absoluten
Perversion von Sicherheit. Auf militärischem Gebiet hat diese Pervertierung
Gestalt gewonnen im Prinzip der Abschreckung durch Massenvernichtungswaffen,
das auf dem unkalkulierbaren Risiko einer in sich widersprüchlichen Drohung
mit gesicherter gegenseitiger Zerstörung beruht. Seine Folgen stehen uns
deutlich vor Augen:
- Das Wissen um die Möglichkeit der gegenseitigen Zerstörung hat
immer wieder zu Versuchen geführt, Erstschlagskapazitäten und damit
die Fähigkeit zum Sieg zu erlangen. Jeder solche Versuch hat in sich
die Tendenz zu offensiven Kriegsführungsstrategien.
- Das Abschreckungssystem wird darum ständig und mit innerer Notwendigkeit
durch einen immensen Rüstungswettlauf stabilisiert. Die dadurch gewonnene
scheinbare Sicherheit bringt auch ohne Krieg Vernichtung durch Verelendung
großer Teile der Welt und durch die wachsende Unfähigkeit, lebensbedrohliche
ökologische Probleme zu lösen.
- Im Zuge des Rüstungswettlaufs werden die militärischen Mittel
zur Gewinnung der scheinbaren Sicherheit zunehmend automatisiert - von der
»Vorwarnung« bis zum »Einsatz«. Für den Fall
einer Krisensituation wird der Ausbruch eines Nuklearkrieges durch technisches
oder menschliches Versagen zunehmend wahrscheinlich.
- Schließlich wären die politischen Handlungsmöglichkeiten
im Falle eines militärischen Konfliktes eingeschränkt. Bereits jetzt
halten sie Belastungen immer weniger stand.
(3) Wir erteilen Geist, Logik und Praxis der auf Massenvernichtungsmitteln
gegründeten Abschreckung eine Absage. Eine wirkliche Friedensordnung, die
die Sicherheitsinteressen der Völker und Staaten und Staatengemeinschaften
gewährleistet, muß auf das untaugliche und unverantwortbare Mittel
von Massenvernichtungswaffen endgültig verzichten. Wir wollen den nun endlich
beginnenden Übergang zu neuen politischen Formen der Friedenssicherung
nachdrücklich unterstützen.
(4) Zeichen für diesen Übergang sind unübersehbar. Völker,
Staaten und Bündnissysteme beginnen, sich ein neues Verständnis von
Sicherheit anzueignen. Sicherheit ist nicht mehr gegen den »Gegner«
zu erreichen, sondern nur noch mit ihm zu gewinnen. Sie umfaßt mehr als
nur den militärischen Bereich und braucht deshalb Veränderungen auf
den verschiedenen Ebenen und Bereichen nationalen und internationalen Zusammenlebens.
Dafür sind weitreichende und radikale Abrüstungsmaßnahmen unumgänglich,
zugleich aber in diesem neuen Sicherheitsverständnis auch möglich.
Die ersten Schritte auf diesem Wege sind bereits gegangen durch das Abkommen
über den Abbau der Mittelstreckenwaffen, durch die Vereinbarungen der Stockholmer
KSZE-Konferenz über vertrauensbildende Maßnahmen im militärischen
Bereich und durch den Beginn der Wiener Verhandlungen über die konventionellen
Streitkräfte in Europa, sowie durch einseitige Abrüstungsinitiativen
der Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages. Über das Ziel und die weitere
Richtung dieses Überganges zu einer neuen Friedensordnung, über unsere
Erkenntnisse der nötigen Schritte und der auf diesem Wege förderlichen
und hinderlichen Faktoren und auch über unseren spezifischen Beitrag als
Kirchen, über unsere Erfahrungen und Hoffnungen bei der Deutung der »Zeichen
der Zeit« möchten wir in unserer Gesellschaft mit den anderen europäischen
Kirchen in ein Gespräch kommen. Damit wollen wir an dem Fundament des Vertrauens
mitarbeiten, von dem alle künftige Entwicklung abhängt und dem durch
Gottes Liebe zu seiner Welt bleibende Verheißung gegeben ist.
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