Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Von der III. Tagung der Ökumenischen Versammlung Dresden grüßen
wir Sie.
Seit dem Aufruf »Eine Hoffnung lernt gehen« von 1987 ist unter
uns ein intensives Gespräch in Gang gekommen. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten
haben Vertreterinnen und Vertreter fast aller christlichen Kirchen in unserem
Land gemeinsam gebetet, gefeiert, beraten und Beschlüsse gefaßt.
Zusammengebracht haben uns unser Glauben und die Bedrohungen von Gottes Schöpfung
durch Ungerechtigkeit, Krieg und räuberischen Umgang mit der Natur.
Sie haben uns auf diesem Weg begleitet durch Ihre Reaktionen auf den Aufruf,
Ihr Mitdenken in vielen Gemeinden und Gruppen in unseren Kirchen und durch Ihre
Fürbitte. Dafür danken wir Ihnen.
Manch einer hat unsere Versammlung mit großer Skepsis begleitet aus der
nicht unberechtigten Angst vor Überforderung. Mit Bedauern stellen wir
fest, daß viele sich nicht auf den Weg machen, weil sie meinen: wir sind
zu wenige, wir können doch nichts tun, uns fehlt der Überblick, es
läßt sich doch nichts ändern.
Mit Freude haben wir wahrgenommen, daß auch Menschen außerhalb
unserer Kirchen die Themen des konziliaren Prozesses und unsere Problembeschreibungen
und Antwortversuche aufmerksam verfolgt haben.
Wir haben versucht, die Herausforderungen unserer Zeit vom Evangelium her
zu bedenken. Wir haben erkannt: der biblische Ruf zur Umkehr trifft uns heute
neu. Unsere Arbeit in der Ökumenischen Versammlung mündet in drei
wichtige Einsichten, die uns binden und verpflichten:
- Wir bekennen uns zu unserer vorrangigen Verpflichtung Gerechtigkeit für
alle Benachteiligten und Unterdrückten zu schaffen;
- Wir bekennen uns zu unserer vorrangigen Verpflichtung dem Frieden mit gewaltfreien
Mitteln zu dienen;
- Wir bekennen uns zu unserer vorrangigen Verpflichtung Leben auf dieser
Erde zu schützen und zu fördern.
Die Konsequenzen aus diesen drei Verpflichtungen haben wir in zwölf Ergebnis-Texten
entfaltet. Viele Anliegen und Sorgen, die Sie uns anvertraut haben, sind in
diese Texte aufgenommen und sind weiter bedacht worden. Unsere Texte wurden
im Schlußgottesdienst am 30. April 1989 in der Kreuzkirche zu Dresden
in die Verantwortung der Kirchenleitungen übergeben.
Wir hoffen, daß diese Texte helfen können, sensibler zu leben und
bewußter zu handeln.
Der gemeinsame Weg der Ökumenischen Versammlung hat uns selbst verändert.
Eine überraschende Offenheit füreinander hat die Mühen der Verständigung
erleichtert. Unsere Ergebnisse sind nicht vollkommen, wir wissen nicht auf jede
Frage eine Antwort.
Manche Erwartungen mußten wir enttäuschen. Aber eine Hoffnung hat
gehen gelernt, und diese Erfahrung ermutigt uns, jetzt nicht stehen zu bleiben.
Viele Fragen stellen sich am Ende schärfer als am Beginn der Versammlung.
Wir müssen weitergehen: in unseren Gemeinden, in unseren Gruppen, mit allen
Menschen, die sich um die Zukunft unserer Erde Sorgen machen.
Die neu erfahrene Gemeinschaft von 19 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften
haben wir als kostbares Geschenk Gottes angenommen. Die ökumenische Dynamik
unserer Versammlung ist nicht umkehrbar; wir haben sie als hoffnungsvoll für
den weiteren Weg unserer Kirchen erlebt. Gottes Geist führt uns als sein
Volk zusammen. Wir haben mit vielen Zungen geredet, aber endlich eine Sprache
gesprochen. Eine Rückkehr hinter alte Mauern und in alte Spaltungen darf
es nicht geben.
Am Pfingstmontag beginnt in Basel die Europäische Ökumenische Versammlung
»Frieden in Gerechtigkeit«, wo sich Vertreterinnen und Vertreter
aller europäischen Kirchen treffen. Unsere Delegation wird die Ergebnisse
der Ökumenischen Versammlung in Basel einbringen. Außerdem soll eine
»Zukunftswerkstatt« nach Modellen für die Zukunft unseres gemeinsamen
Hauses Europa suchen. Diese Versammlung braucht die Fürbitte von uns allen.
Wenn wir Zukunft gewinnen wollen, müssen wir uns der Vergangenheit stellen.
Wir bitten Sie, am 1. September 1989 - oder am darauffolgenden Wochenende -
im Gedenken an den Kriegsbeginn vor 50 Jahren gemeinsam mit den verschiedenen
Gemeinden Ihres Ortes oder Ihrer Region von Kirche zu Kirche einen Weg des Friedens
zu gehen.
Wir bitten Sie, auch künftig in ökumenischer Gemeinschaft für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu streiten, zu beten
und zu arbeiten.
Eine Hoffnung geht weiter. Gott wird uns auf diesem Weg mit seinem Geist und
Segen begleiten.
Schalom
Die Delegierten der Ökumenischen Versammlung