6.2 Weltgestaltung und Verkündigung
(248) Der Konsultationsprozeß hat die Möglichkeit und die Notwendigkeit
der kirchlichen Beteiligung am gesellschaftlichen Dialog über die wirtschaftliche
Situation und die sozialen Spannungslagen der Gegenwart deutlich gemacht. Als
Glaubensgemeinschaften verkündigen die Kirchen die biblische Botschaft
von Gottes Zuwendung zu allen Menschen und Gottes Treue zu seiner Schöpfung.
Als gottesdienstliche Gemeinschaften feiern sie Gottes gnädiges Erbarmen,
das den Menschen immer wieder einen neuen Anfang schenkt. Als diakonische Gemeinschaften
bemühen sie sich unmittelbar um Notleidende und Benachteiligte und setzen
sich für die Verwirklichung einer solidarischen und gerechten Gesellschaft
ein.
Die Kirchen leben und wirken mitten in der Gesellschaft und nehmen deshalb an
ihren Umbrüchen und Entwicklungen teil. Sie werden dabei von ihrer Berufung
zur Solidarität mit den Armen geleitet und folgen der Bewegung Gottes,
der sich vorrangig den Armen, Schwachen und Benachteiligten zugewandt hat, damit
alle "Leben in Fülle haben" (Joh 10,10).
(249) Die Kirchen stehen in der biblischen und christlichen Tradition von Recht
und Erbarmen. Gott fordert die Menschen nachdrücklich dazu auf, aus Erbarmen
zu handeln und sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Deshalb bemühen
sich Christen um Arme, aber auch um gerechtere Strukturen in der Gesellschaft,
die geeignet sind, Armut zu verhindern.
(250) Der diakonische und caritative Dienst an Menschen in Not gehört seit
den Anfängen der Kirche zu ihren unveräußerlichen Kennzeichen
und ist auch für die Zukunft verpflichtend.
Heute vollzieht sich der diakonische und caritative Dienst der Kirchen auf mehreren
Ebenen. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen die großen Werke,
auf evangelischer Seite das Diakonische Werk, auf katholischer Seite die Caritas.
Mit ihrer Arbeit und ihren Initiativen sind sie in hohem Maße in den Dienst
an der Gesellschaft einbezogen. Sie leisten mit ihren sozialen Einrichtungen,
Kindergärten, Beratungsstellen, Sozialstationen, Rehabilitationseinrichtungen
und vielem anderem mehr eine wirksame und unverzichtbare Hilfe für das
Gemeinwesen. Für die Wahrnehmung dieser Aufgaben benötigen und erhalten
die Kirchen staatliche Hilfen. In vielfältiger Gestalt gibt es kirchlich
getragene soziale Betriebe, Werkstätten, Einrichtungen der Jugendarbeit,
Baugruppen zur Renovierung von Sozialwohnungen oder Jugendheimen, Projekte "Neue
Arbeit", Gruppen, die den Strukturwandel in einer Region begleiten, oder
Treffpunkte für Angehörige verschiedener Generationen. Jüngste
Änderungen der Sozialgesetzgebung, die die Erfüllung der sozialen
Aufgaben und Dienstleistungen nach dem Marktprinzip umzugestalten versuchen,
stellen Diakonie und Caritas vor erhebliche Probleme. Noch ist die weitere Entwicklung
nicht zu übersehen. Alles diakonische Tun aber den Gesetzen des Marktes
zu unterwerfen, ist weder der Sache noch den Menschen dienlich.
Um so wichtiger sind die Initiativen, die auf neue Herausforderungen reagieren
und innovative Antworten geben. Die diakonische und caritative Arbeit der Kirchen
hat sich über die Jahrhunderte immer wieder aus solchen Impulsen erneuert.
Von bleibender Bedeutung ist die Ebene der Kirchen- und Pfarrgemeinden. Diakonische
und caritative Arbeit darf sich nicht auf die professionalisierten Dienste beschränken
und darf nicht einfach an sie abgegeben werden. Kirchengemeinden, kirchliche
Gruppen und Verbände haben besondere Möglichkeiten, mit ihrer sozialen,
diakonischen oder caritativen Arbeit Impulse in die gesellschaftliche Öffentlichkeit
hinein zu vermitteln. Den Initiativen mit Arbeitslosen, arbeitslosen Jugendlichen,
Armen und sozial Schwachen kommt gegenwärtig besondere Bedeutung zu. Sie
begleiten diese Personenkreise und bieten Hilfen zur Wiedereingliederung an.
Besuchsdienstkreise und Treffpunkte für Arbeitslose sind Ansatzpunkte dafür,
die soziale Verantwortung der Gemeinden zu erhöhen. Es ist wichtig, daß
Kirchengemeinden und Verbände mit Hilfe solcher Aktivitäten die sie
umgebende soziale Wirklichkeit wahrnehmen und den sozial Benachteiligten in
ihrer eigenen Mitte Aufmerksamkeit schenken. Entscheidend wird sein, daß
Christen und Gemeinden nicht bei einzelnen diakonischen Aktivitäten und
Maßnahmen stehen bleiben. Es geht um eine "neue Bekehrung zur Diakonie",
in der die Freude und Hoffnung, die Trauer und Angst der Menschen, die Hilfe
nötig haben, zur Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Christen werden.
(251) Der Horizont des Dienstes an Menschen in Not hat sich in den letzten Jahrhunderten
fortschreitend erweitert. Nächstenliebe ist auch Fernstenliebe geworden.
Das hat in kirchlichen Hilfswerken weltweiter Solidarität und entwicklungspolitischen
Aktivitäten seinen Niederschlag gefunden.
Die Kirche ist ihrem Wesen nach weltweit, grenzüberschreitend. Sie verfügt
über besondere Möglichkeiten, den Blick der Menschen für die
Eine Welt zu öffnen und das Bewußtsein der Verantwortung über
das eigene Land und Volk hinaus zu schärfen. Die ökumenische Zusammenarbeit
mit Kirchen aus der ganzen Welt und die intensiven Partnerschaften mit Gemeinden
und Ortskirchen erweitern den Gesichtskreis über den eigenen Kulturraum
hinaus. Solche Kontakte erinnern zugleich an die Not des Südens und die
wechselseitigen weltwirtschaftlichen Abhängigkeiten. Die Beteiligung der
Kirchen am "konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und
Bewahrung der Schöpfung" bedeutet eine umfassende Orientierung kirchlichen
Handelns an den drängenden Aufgaben gesellschaftlicher Veränderung.
In ökumenischer Zusammenarbeit stellen sich die Christen den großen
Überlebensfragen der Menschheit. Das Engagement für die Länder
des Südens führt zu neuen Anstößen auch im eigenen Bereich.
Direkte Hilfe wird insbesondere von den großen Werken wie "Adveniat",
"Brot für die Welt", "Hoffnung für Osteuropa",
"Misereor", "Missio" und "Renovabis" geleistet.
Sie dienen aber nicht nur der Einwerbung von Spenden und ihrem fachkundigen
Einsatz bei der Katastrophenhilfe oder längerfristigen Entwicklungsmaßnahmen,
sondern ebenso der entwicklungs- und wirtschaftspolitischen Bewußtseinsbildung.
Aufgrund ihrer direkten Kontakte in die betroffenen Länder und der in langjährigem
Engagement erworbenen Erfahrungen sind die Kirchen zu einem wichtigen und geachteten
Träger entwicklungspolitischer Projekte geworden. Erwähnenswert sind
in diesem Zusammenhang auch die Bemühungen der Kirchen in ihrer "Gemeinsamen
Konferenz Kirche und Entwicklung", den Dialog im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit
und der Friedensinitiativen zu verbessern.
Neben kirchlichen Finanzmitteln stehen für diese Aufgaben auch staatliche
Gelder zur Verfügung. Die in den letzten Jahren bei den Kirchen spürbar
werdenden finanziellen Engpässe machen es zunehmend schwierig, das bisherige
Niveau der für die kirchlichen Entwicklungsdienste zur Verfügung gestellten
Mittel aus Kirchensteuern zu halten. Die Kirchen erfahren hier im eigenen Bereich,
welche Konflikte und Schmerzen mit Prioritätendebatten verbunden sind.
(252) Einige weitere Bereiche, in denen die Kirchen ihren Auftrag zur Weltgestaltung
konkret wahrnehmen und weiterhin wahrnehmen müssen, seien nur kurz genannt:
- Gemeinden und Kirchenkreise, Diözesen und Landeskirchen haben "Runde
Tische sozialer Verantwortung" ins Leben gerufen. Dabei wird versucht,
das Gespräch zwischen Vertretern und Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung,
insbesondere aus Sozialbehörden und Arbeitsverwaltungen, aus Kammern
und Betrieben, Gewerkschaften und Unternehmervereinigungen, der Medien und
nicht zuletzt der betroffenen Bevölkerungsgruppen über die sozialen
Probleme vor Ort anzustoßen. Runde Tische bewähren sich in solchen
Fällen, weil sie das Bewußtsein stärken, daß regionale
Probleme wirtschaftlicher und sozialer Art nur gemeinsam bewältigt werden
können.
- Diese Mittlerrolle können die Kirchen um so leichter übernehmen,
wenn sie einen kontinuierlichen und intensiven Kontakt mit der Arbeitswelt
pflegen. Die Sorge gilt dabei den arbeitenden Menschen, einschließlich
derer, die unternehmerische Verantwortung tragen, aber auch den Wandlungen
der Arbeitswelt selbst. Die Kontakte dürfen nicht erst im Konfliktfall,
etwa bei drohenden Betriebsschließungen, aufgenommen werden. Regelmäßige
Besuche in Betrieben und regelmäßige Gespräche mit den Arbeitgeberorganisationen,
dem Handwerk und den Gewerkschaften schaffen eine Basis des Vertrauens, auf
der dann auch im Konfliktfall aufgebaut werden kann.
- Die Kirchen engagieren sich gegen Ausländerfeindlichkeit und bemühen
sich, zum Aufbau einer positiven Einstellung gegenüber Fremden in der
Gesellschaft beizutragen. Dies geschieht, indem Begegnungen vor Ort initiiert
und gemeinsame Veranstaltungen angeboten werden. Die Kirchen setzen sich,
auch durch praktische Hilfe und Unterstützung, für eine bessere
soziale Integration ein. Vor allem beteiligen sie sich an der Sorge um ausländische
Kinder und Jugendliche. Sie treten ein für eine menschenwürdige
und gerechte Asylpraxis.
- Der Einsatz für den Umweltschutz im kirchlichen Raum hilft mit, das
gesellschaftliche Bewußtsein für die Notwendigkeit eines nachhaltigen
Wirtschaftens zu stärken. Das Engagement vieler Christen für die
Erhaltung der natürlichen Grundlagen des Lebens hat aber nicht allein
in der Gründung gesonderter kirchlicher Umweltinitiativen, sondern vor
allem auch in der Mitarbeit in den allgemeinen Umweltverbänden seinen
Ausdruck gefunden.
(253) Die Verkündigung des Wortes Gottes, seine Zuwendung zu allen Menschen,
steht im Mittelpunkt kirchlichen Handelns. Die Kirche bezeugt Gottes Zuspruch
und seinen Anspruch auf das ganze Leben. Ein Leben aus der Gnade Gottes nimmt
die Angst, zu kurz zu kommen, und schenkt zugleich Mut und Zuversicht zum Handeln.
Deshalb ist diese Verkündigung nicht nur auf den einzelnen in seiner unvertretbaren
Freiheit, sondern ebenso auf die strukturellen - sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen
- Bedingungen seiner Existenz gerichtet. Die Kirchen dürfen sich nicht
in einer Nische der pluralistischen Gesellschaft mehr oder weniger bequem einrichten.
Ihre Verkündigung muß sich auch darin bewähren, daß sie
Ferment einer gerechten und solidarischen Gesellschaftsordnung wird.
(254) Die Verkündigung der Kirchen ist angewiesen auf eine sensible und
nüchterne Wahrnehmungsfähigkeit und Wahrnehmungsbereitschaft. So leben
z. B. Menschen, die unter Arbeitslosigkeit oder Armut leiden, oft auch mitten
in der kirchlichen Gemeinschaft und doch an der Peripherie sozialer Wahrnehmung.
Nur wenn die nicht unmittelbar Betroffenen eine entsprechende Wahrnehmungsbereitschaft
entwickeln, setzt ein Prozeß des Verstehens ein. Wahrnehmungsbereitschaft
und Wahrnehmungsfähigkeit setzen Einfühlungsvermögen voraus.
Sie wachsen mit der Kenntnis von wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen,
von ethischen Normen und Wertmaßstäben und vom christlichen Menschen-
und Gesellschaftsbild. Die Predigt muß noch mehr die Lebenswirklichkeit
der Menschen aufgreifen und im Lichte des Evangeliums und der an ihm orientierten
christlichen Sozialethik deuten.
(255) Zu den in der Wirkung bedeutsamsten kirchlichen Handlungsmöglichkeiten
gehören Bildung und Erziehung. Auch hier versuchen die Kirchen, Menschen
zu einem wertbezogenen Handeln im persönlichen, sozialen und politischen
Bereich zu befähigen. Dies geschieht in den Gemeinden und Verbänden,
in der Erwachsenenbildung, in der Arbeit der kirchlichen Akademien und Sozialinstitute
sowie in den vielfältigen Formen kirchlicher Präsenz im staatlichen
Bildungsbereich. Mit ihren öffentlichen Stellungnahmen, Denkschriften und
Diskussionsbeiträgen tragen die Kirchen zur ethischen Urteilsbildung und
zur gesellschaftlichen Konsensbildung bei. Von besonderer Bedeutung sind der
Religionsunterricht in der Schule, auch und vor allem in der berufsbildenden
Schule, das kirchliche Bildungs- und Erziehungsangebot durch eigene Schulen,
Internate und Kindergärten, aber auch die Präsenz der Kirchen an den
Hochschulen und Universitäten. Hier ereignet sich die Vermittlung von Werten,
die für das Zusammenleben der Gesellschaft grundlegend sind.
(256) Das kirchliche Leben hat im Gottesdienst sein Zentrum. Im Gottesdienst
empfängt die Kirche Gottes Gabe und antwortet mit Gebet, Bekenntnis und
Lob. Diese Antwort ist vor allem Dank. Wer aus dem Dank lebt, kann die ganze
Wirklichkeit als verdankt verstehen und darum mit größerer Zuversicht
an die Aufgaben herangehen, die sich dem wirtschaftlichen und sozialen Handeln
stellen. Gesellschaftliches Handeln der Christen verliert an Kraft, wenn es
nicht mehr an das Beten und Feiern zurückgebunden ist. Im Gottesdienst
werden die Christen zum Weltdienst befreit und beauftragt. Wenn Christen Gottesdienst
feiern, treten sie dem radikal Anderen und doch Nahen gegenüber, dem persönlichen
Gott, der zum Dienst sendet.
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