2.5 Globale Herausforderungen
(84) Der Prozeß der fortschreitenden Globalisierung basiert auf der weltweiten
Integration von Märkten sowie dem Abbau von Handelsschranken und Mobilitätsbarrieren.
Er wäre nicht möglich ohne die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien.
Globalisierung bedeutet: weltweite Öffnung der Märkte für Waren
und Dienstleistungen, zunehmende Freizügigkeit für unternehmerisches
Handeln und weltweite Verfügbarkeit technischen Wissens und Könnens
sowie qualifizierter Arbeitskräfte. Hinzu kommt eine wachsende Mobilität
des Kapitals. Zunehmend werden finanzielle Mittel nicht im eigenen Land reinvestiert,
sondern auf den internationalen Kapitalmärkten angelegt, so daß sie
für Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen im eigenen
Land nicht verfügbar und der Aufgabe, im nationalen Rahmen Arbeitsplätze
zu schaffen und zu erhalten, entzogen sind. Mehr und mehr verselbständigt
sich damit der Kapitalverkehr.
(85) Die Globalisierung führt damit nicht nur dazu, daß die Güter-,
Finanz- und Arbeitsmärkte die Grenzen der Nationalstaaten immer häufiger
überschreiten, sondern hat auch zur Folge, daß die Produktions- und
Investitionsentscheidungen in wachsendem Maße den Standort in mehreren
Ländern betreffen. Arbeitsprozesse oder Wertschöpfungsanteile werden
kostenminimierend auf verschiedene Länder verteilt. Einfache Produktionen
sind dort zu finden, wo die Löhne niedrig sind, geforscht wird in den Ländern,
in denen es kaum gesetzliche Beschränkungen gibt, Gewinne werden dort ausgewiesen,
wo die Steuersätze besonders gering oder die Abschreibungsregeln besonders
großzügig sind.
(86) Im Zuge der Globalisierung hat sich der Wettbewerb erheblich verschärft.
Die Schwellenländer Mittel- und Osteuropas, Südostasiens und Lateinamerikas
verlangen mit ihren Produkten Zugang zu den Märkten der Industrienationen
und empfehlen sich gleichzeitig als Standorte für neue Investitionen. Die
Löhne in den östlichen Nachbarländern Deutschlands liegen bei
den derzeitigen Wechselkursen zum Teil bei einem Zehntel (Tschechien und Polen)
der Löhne in Deutschland, zum Teil sogar bei einem Hundertstel (Ukraine
und Rußland).
(87) Die Globalisierung birgt Chancen und Risiken. Der deutschen Wirtschaft
eröffnet sie seit langem ausgiebig genutzte Möglichkeiten, an den
rasch wachsenden weltweiten Märkten teilzunehmen. Viele Länder des
Südens und des Ostens haben Zugang zu den Märkten in den Industrieländern
erhalten. Unter der Voraussetzung, daß der Welthandel nicht durch protektionistische
Bestrebungen der Industrieländer weiter verzerrt wird, ist dieser Marktzugang
sogar wichtiger als Entwicklungshilfe. In einer Reihe von Ländern, z. B.
in Asien und Lateinamerika, wurde ein wirtschaftlicher Aufschwung erzielt, der
auch großen Teilen der Bevölkerung dieser Länder, jedoch nicht
allen in gleicher Weise zugute kam. Der neue Wohlstand führt dort auch
zu mehr sozialer Sicherung. Andererseits nimmt die Polarisierung zwischen den
dynamischen Wachstumszentren und den Regionen, die den Anschluß an diese
Entwicklung verlieren, zu.
(88) Nationalstaatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik wird im Zeitalter der
Globalisierung schwieriger. Weil bei den Standortentscheidungen die Vorteile
der verschiedenen Nationalstaaten miteinander verglichen werden, stößt
die herkömmliche nationalstaatliche Wirtschaftspolitik an Grenzen. Der
Prozeß der Globalisierung ist von einer so starken Eigendynamik, daß
er von einem einzelnen Nationalstaat immer schwerer beeinflußt werden
kann. Die Globalisierung der Wirtschaft bedeutet gleichzeitig die Globalisierung
der sozialen und der ökologischen Frage. Damit wächst die Bedeutung
einer gemeinsamen Verantwortung der Völkergemeinschaft. Globalisierung
ereignet sich nicht wie eine Naturgewalt, sie verlangt nach politischer Gestaltung.
(89) Das Wohlstandsgefälle zwischen den ärmsten und den reichen Ländern
hat weiter zugenommen. In einigen Entwicklungsländern verhindern oder bremsen
korrupte Eliten, ethnische Konflikte und geringe Partizipationsmöglichkeiten
der Bevölkerung die wirtschaftliche und politische Entwicklung. Neben diesen
internen stehen die externen Faktoren, die die politisch und wirtschaftlich
Verantwortlichen in den Industrieländern beeinflussen können. Dazu
gehören der Agrarprotektionismus der Industrieländer, eine nur schleppend
vorankommende Entschuldung und Entscheidungen und Absprachen internationaler
Organisationen (z. B. Internationaler Währungsfonds, Weltbank, UNO-Sicherheitsrat).
(90) Kriege, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, Naturkatastrophen, Elend und
Hunger zwingen weltweit immer mehr Menschen zum Verlassen ihrer Heimatländer.
Die schnelle Zunahme und das Ausmaß von Migration, Flucht und Vertreibung
in aller Welt sind zu einem der prägenden Merkmale der letzten Jahrzehnte
des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Dies läßt auch Deutschland
nicht unberührt. Die Migranten, die als Arbeitnehmer, Flüchtlinge
und Asylbewerber oder auch als Aussiedler nach Deutschland kommen, sind nur
ein kleiner Teil der weltweiten Wanderungsbewegung. Derzeit leben in Deutschland
fast 8 Mio. Ausländer, davon 5,5 Mio. Arbeitsmigranten mit ihren Familien.
Viele von ihnen sind rechtlich und gesellschaftlich noch nicht integriert, obwohl
sie vielfach bereits in der zweiten und dritten Generation in Deutschland leben.
Der Umgang mit ihnen ist ein Bewährungsfeld für die Offenheit, Solidarität,
Toleranz und Freiheitlichkeit der Gesellschaft7.
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