2.2 Krise des Sozialstaats
(67) Der Sozialstaat war in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die
entscheidende Voraussetzung dafür, daß der soziale Friede gewahrt
werden konnte. Nach wie vor bietet er der großen Mehrheit der Bevölkerung
soziale Sicherheit auf einem hohen Niveau. Jedoch stellen grundlegende Veränderungen
in der Sozialstruktur, die lang anhaltende Massenarbeitslosigkeit, die demographische
Entwicklung und die Situation der öffentlichen Haushalte das System sozialer
Sicherung vor große Herausforderungen.
2.2.1 Armut in der Wohlstandsgesellschaft
(68) In den letzten 20 Jahren ist mit dem Reichtum zugleich die Armut in Deutschland
gewachsen. Die Armut in Deutschland unterscheidet sich grundlegend von der Armut
in den Ländern der Dritten Welt. Dennoch ist die Armut in der Wohlstandsgesellschaft
ein Stachel. Armut hat viele Gesichter und viele Ursachen. Sie ist mehr als
nur Einkommensarmut. Häufig kommen bei bedürftigen Menschen mehrere
Belastungen zusammen, wie etwa geringes Einkommen, ungesicherte und zudem schlechte
Wohnverhältnisse, hohe Verschuldung, chronische Erkrankungen, psychische
Probleme, langandauernde Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und unzureichende
Hilfen. Diese Armutssituationen treffen besonders diejenigen, die mehrere Jahre
auf Sozialhilfe angewiesen sind. Eine der schlimmsten Auswirkungen von Armut
ist der Verlust der eigenen Wohnung, davon sind in Deutschland immer mehr Menschen,
darunter verstärkt Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Frauen und Jugendliche
betroffen. Verläßliche bundesweite Daten über das gesamte Ausmaß
akuter Wohnungsnotfälle, von Wohnungs- und Obdachlosigkeit liegen nicht
vor, zumal es darüber keine einheitlichen Maßstäbe und Kriterien
gibt. Allein die Zahl der Obdachlosen, die amtlich untergebracht ("ordnungsrechtlich
versorgt") sind, wird auf 250.000 bis 300.000 geschätzt.
(69) Armut wird heute immer noch stark tabuisiert. Der Streit über den
Armutsbegriff ähnelt dem Streit, wie er Anfang der 70er Jahre über
die Umwelt geführt wurde, als Probleme mit dem Hinweis geleugnet wurden,
sie ließen sich nicht wissenschaftlich verläßlich nachweisen.
Es gilt jedoch, die tatsächlich bestehende Armut zur Kenntnis zu nehmen.
Hinter den unterschiedlichen Definitionen von Armut verbergen sich beunruhigende
Fakten:
- die "Einkommensarmut" oder "relative Armut": Legt man
die Armutsgrenze bei 50 % des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens
der Bevölkerung fest, wie dies aus pragmatischen Gründen der Vergleichbarkeit
international üblich ist, so lebten nach dieser Rechnung in den Jahren
1984 bis 1992 750.000 Menschen ununterbrochen unter der Armutsgrenze, etwa
4,5 Millionen Menschen waren in diesem Zeitraum fünf Jahre oder länger
arm. Da die sozialen Ungleichheiten aufgrund der ökonomischen Umbrüche
in den neuen Bundesländern sehr schnell entstanden sind, erscheinen sie
hier besonders kraß;
- die "Sozialhilfebedürftigkeit": In Deutschland hat die Sozialhilfe
die Aufgabe, allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Damit wird ein Mindesteinkommen im Sinne einer individualisierten und bedarfsorientierten
Grundsicherung angestrebt. Am Jahresende 1994 bezogen über 2,25 Mio.
Bürgerinnen und Bürger Sozialhilfe im engeren Sinn (Hilfe zum Lebensunterhalt).
Der Trend hat sich in den letzten Jahren von der Altersarmut zur Kinderarmut
verlagert. Die stärksten Zunahmen sind bei den Kindern unter sieben Jahren
zu verzeichnen; ihre Zahl ist bis Ende 1994 auf 409.000 gestiegen. Das überdurchschnittliche
Armutsrisiko von Kindern ist besonders deshalb so besorgniserregend, weil
es sich leicht zu dauerhaften Benachteiligungen verfestigt. Seit dem Jahr
1992 ist außerdem wieder ein stärkerer Anstieg deutscher Sozialhilfeempfänger
zu beobachten;
- die "verdeckte Armut": Viele Bürgerinnen und Bürger
leben in sog. verdeckter Armut, d. h. sie hätten eigentlich einen Sozialhilfeanspruch,
nehmen diesen jedoch aus Scham, Unwissenheit oder großer Scheu vor Behörden
nicht wahr. Zu ihnen zählen viele kinderreiche Familien mit nur einem
Erwerbseinkommen. Nach der Armutsuntersuchung des Deutschen Caritasverbandes
kommen auf vier Sozialhilfebezieher noch einmal drei verdeckt arme Menschen.
Dies waren 1993 rund 1,8 Mio. Bürgerinnen und Bürger. Damit erhält
nur knapp über die Hälfte der Sozialhilfeberechtigten tatsächlich
entsprechende Leistungen.
Entscheidend ist, nicht beim Streit über den Begriff der Armut stehen zu
bleiben und Armut nicht auf den Einkommensaspekt einzuengen. Es geht darum,
die betroffenen Menschen sowie das Faktum Armut in der Wohlstandsgesellschaft
zu sehen und die Notwendigkeit zu erkennen, sich für eine Verbesserung
der Situation einzusetzen.
2.2.2 Benachteiligung der Familien
(70) Eltern erfahren ihr Zusammenleben mit Kindern als große Bereicherung
ihres Lebens. Um ihrer Kinder willen nehmen sie viele Einschränkungen in
Kauf. Aber die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich in den letzten
Jahrzehnten so verändert, daß Eltern im Vergleich zu den Kinderlosen
immer größere wirtschaftliche und persönliche Verzichte abgefordert
werden und auch die Tragfähigkeit der familialen Beziehungen immer häufiger
überlastet wird. Die wirtschaftliche Belastung von Familien mit Kindern
kann dazu führen, daß sie weniger Kinder bekommen, als sie sich eigentlich
wünschen. Die zunehmende Zahl von Kinderlosen in der Bundesrepublik Deutschland
offenbart darüber hinaus, daß sich die Einstellung zu Kindern verändert
hat.
(71) Statistische Erhebungen zeigen, daß der Lebensstandard einer Familie
mit zwei Kindern erheblich unter dem eines entsprechenden kinderlosen Ehepaares
liegt. Die Maßnahmen des Familienlastenausgleichs vermögen im Durchschnitt
nicht einmal die unmittelbaren durch Kinder bedingten Aufwendungen, geschweige
denn das durch den Rückgang der Erwerbsbeteiligung sinkende Haushaltseinkommen
auszugleichen. Mehrere Kinder zu haben ist heute zu einem Armutsrisiko geworden.
Schwerer noch als die finanziellen Einschränkungen wiegen jedoch für
junge Familien andere Benachteiligungen: Sie suchen für Kinder geeigneten
Wohnraum und erleben, sofern sie ihn überhaupt bezahlen können, daß
ihnen Kinderlose vorgezogen werden. Mehrkinderfamilien sind hier sogar extrem
benachteiligt. Sie erfahren Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, da sie in
räumlicher und zeitlicher Hinsicht weniger flexibel sind. Auch der fortlaufende
Verlust an gemeinsamer Zeit (etwa durch Schichtarbeit oder Sonntagsarbeit) trifft
die Familien. Besondere Belastungen treten infolge von Arbeitslosigkeit und
Überschuldung auf. Gegen die Wahrnehmung von Elternverantwortung verhalten
sich Wirtschaft, Staat und soziale Dienste zwar nicht ablehnend, aber vielfach
indifferent, d. h. sie behandeln Eltern und Kinderlose grundsätzlich gleich.
Daraus resultiert eine strukturelle Benachteiligung der Familien. Deutschland
gehört zu den Ländern Europas mit der geringsten Geburtenrate und
dem größten Anteil an Einpersonenhaushalten.
2.2.3 Finanzielle Belastungen des sozialen Sicherungssystems
(72) Eine wesentliche Ursache der Finanzierungsschwierigkeiten der Sozialhaushalte
ist die hohe Arbeitslosigkeit. Durch die Massenarbeitslosigkeit gehen den Sozialversicherungen
erhebliche Beitragseinnahmen und den öffentlichen Haushalten entsprechende
Lohnsteuereinnahmen verloren, während andererseits die Ausgaben der Arbeitslosen-
und der Rentenversicherung steigen. Geringere Einnahmen und steigende Ausgaben
führen zu Beitragserhöhungen, die wiederum als Anstieg der Lohnnebenkosten
die Beschäftigung beeinträchtigen können.
(73) Zur Höhe der Lohnnebenkosten trägt wesentlich bei, daß
die Kassen der Sozialversicherungsträger (Rentenversicherung, Gesetzliche
Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung u. a.) durch Aufwendungen für
die Finanzierung der deutschen Einheit und für die aktive Arbeitsmarktpolitik
erheblich belastet werden. Diese Leistungen sind eigentlich Aufgaben des Staates,
sie wurden aber den Sozialversicherungen übertragen. Weil die Finanzierung
dieser sog. "versicherungsfremden Leistungen" durch Zuschüsse
des Bundes nicht abgedeckt wird, mußten die Beitragssätze zu den
Sozialversicherungen mehrfach angehoben werden. Hinzu kommt, daß von den
Möglichkeiten der Frühverrentung exzessiv Gebrauch gemacht wurde,
um den Arbeitsmarkt zu entlasten.
(74) Die Sozialleistungsquote ist nicht zuletzt deshalb so hoch - sie liegt
bei etwa einem Drittel des Bruttosozialprodukts -, weil sie in den neuen Ländern
aus Gründen des wirtschaftlichen Strukturwandels gegenwärtig rund
60 % beträgt. In den alten Ländern dagegen ist sie so niedrig wie
seit Jahren nicht mehr.
(75) Schwierigkeiten für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme
in Deutschland ergeben sich weiterhin daraus, daß sich ihre ursprünglichen
Voraussetzungen in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert haben.
Zum einen orientieren sich die Lebensentwürfe jüngerer Frauen ganz
überwiegend zugleich an Erwerbsarbeit und Familie, und die Frauenerwerbstätigkeit
hat insbesondere mit dem Wachstum der Büro- und Dienstleistungstätigkeiten
stark zugenommen. Gleichzeitig sind jedoch die Familienbindungen instabiler
geworden. Der Anteil der Alleinerziehenden nimmt dementsprechend zu. Zudem bewirken
die Verknappung des Angebots an Erwerbsarbeit und die Veränderung der Beschäftigungsstrukturen
eine Zunahme der Teilzeitbeschäftigungen mit wenig gesicherten Beschäftigungsverhältnissen.
Damit steigt der Anteil derjenigen, deren Lebensläufe nicht den Normalitätsannahmen
des sozialen Sicherungssystems entsprechen und die infolgedessen eher von Armut
bedroht und auf Sozialhilfe angewiesen sind.
(76) Hauptursachen des Anstiegs der Sozialhilfeausgaben sind Massenarbeitslosigkeit,
Kürzungen bei den Sozialversicherungsleistungen, unzulängliche Familienförderung
und die Aufwendungen für Asylbewerber und Zuwanderer. Offenbar wurden und
werden die der Sozialhilfe vorgelagerten Sicherungssysteme ihren Anforderungen
nicht mehr gerecht. Die Sozialhilfe als letztes Auffangnetz im System sozialer
Sicherung wurde in den letzten Jahren dadurch belastet, daß sie mehr und
mehr zu einer Regelversorgung für einen wachsenden Teil der Gesellschaft
geworden ist.
(77) Über die aktuellen Finanzierungsschwierigkeiten hinaus stellt die
Bevölkerungsentwicklung das System der sozialen Sicherung vor zusätzliche
Herausforderungen. Eine anhaltend niedrige Geburtenrate und eine deutlich gestiegene
durchschnittliche Lebenserwartung führen zu einem zunehmenden Anteil älterer
Menschen auf der einen und einem stagnierenden und zukünftig abnehmenden
Anteil der erwerbstätigen Generation sowie von Kindern und Jugendlichen
auf der anderen Seite. Dies hat nicht nur für die Rentenversicherung, sondern
auch für die Krankenversicherung und für den Bereich der Altenpflege
erhebliche Auswirkungen. Eine Verschlechterung des zahlenmäßigen
Verhältnisses zwischen der Zahl der Rentenempfänger und der Zahl der
Beitragszahler muß (bei unveränderten Leistungen) zu höheren
Beitragssätzen oder (bei unveränderten Beiträgen) zu einer deutlichen
Verringerung der Höhe der Renten führen. Ähnliche Probleme entstehen
auch für die Finanzierung der Beamtenversorgung.
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