1.1 Zeit des Wandels und der Erneuerung
(35) An der Schwelle eines neuen Jahrtausends befinden sich nicht nur Deutschland
und Europa, sondern alle Industrie- und Entwicklungsländer in einer Phase
ebenso rascher wie tiefgreifender Veränderungen und Umbrüche. Durch
die deutsche Einigung, den europäischen Integrationsprozeß, das Ende
des mit der Nachkriegsordnung verbundenen Ost-West-Konflikts, das Tempo des
technischen Fortschritts und den Ausbau der modernen Informations-, Kommunikations-
und Verkehrstechnologien ergeben sich Entwicklungen, deren Wirkungen im einzelnen
noch nicht absehbar sind. Die internationalen Verflechtungen nehmen zu, die
weltweite Integration der Märkte ebenso wie der weltwirtschaftliche Austausch
von Gütern, Kapital und Dienstleistungen schreiten voran, der Wettbewerb
verschärft sich. Hinzu kommen demographische und soziale Verschiebungen,
die mit den weltweiten Wanderungsbewegungen, der Alterung der Industriegesellschaften,
der Individualisierung der Lebensformen und der Differenzierung der Lebensstile
einhergehen. All das nötigt zu kontinuierlichen und zum Teil einschneidenden
Anpassungsprozessen.
(36) Die vielfältigen Veränderungen und Umbrüche wirken sich
in unterschiedlicher Form und Intensität auf nahezu alle Lebensbereiche
aus. Sie sind verbunden mit Zukunftschancen, haben zugleich aber auch zu Problemen
und Erschwernissen für viele Menschen geführt. Sie machen es nötig,
bisherige Gewohnheiten, Überzeugungen und scheinbare Selbstverständlichkeiten
auf ihre Tragfähigkeit zu prüfen, und dies auf deutscher, europäischer
und globaler Ebene. Das vereinigte, aber noch längst nicht zusammengewachsene
Deutschland steht vor der Frage, wie bei der notwendigen Angleichung der Lebensverhältnisse
zwischen West und Ost die sozial und ökologisch verpflichtete marktwirtschaftliche
Ordnung weiterentwickelt werden kann, welche Reformen nötig sind, um die
anhaltende Massenarbeitslosigkeit zu überwinden und das System der sozialstaatlichen
Sicherung zu bewahren, und inwieweit ein grundsätzliches Umdenken und Umsteuern
erforderlich ist, um die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen. Auf europäischer
Ebene stellt sich die Aufgabe, die wirtschaftliche Integration durch die Währungsunion,
eine gemeinsame Innen- und Rechtspolitik sowie Außen- und Sicherheitspolitik
zu vertiefen und das Einigungswerk mit einer politischen Union zu vollenden.
Gleichzeitig müssen sich Idee und Praxis der Friedenssicherung durch politische
Integration, die in den vergangenen 40 Jahren in Westeuropa entwickelt wurden,
auch in Mittel- und Osteuropa bewähren. Dies schließt die Bereitschaft
ein, mittel- und osteuropäische Länder bei den schwierigen Transformationsprozessen
in eine freiheitliche Demokratie und marktwirtschaftliche Ordnung nach Kräften
zu unterstützen. Auf der globalen Ebene geht es schließlich darum,
in gemeinsamer Verantwortung und Partnerschaft eine solidarische, gerechte und
darum tragfähige Ordnung zu schaffen, die geeignet ist, die im Gang befindlichen
und absehbaren Veränderungen zum Nutzen aller zu gestalten und eine nachhaltige,
d. h. zukunftsfähige Entwicklung nicht zuletzt der armen Länder zu
ermöglichen.
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