9. Die Menschen teilen die Welt mit den anderen Geschöpfen Gottes. Deutschland lebt in der Welt zusammen mit anderen Ländern. Solidarität und Gerechtigkeit sind unteilbar.
(32) Grundbedingung für eine zukunftsfähige Entwicklung ist die
Erhaltung der natürlichen Grundlagen des Lebens. Kein Land der Erde wird
auf lange Sicht dadurch reicher, daß es diese Grundlagen zerstört.
Als Verteilungsregel sollte daher gelten: Recht und Billigkeit der Ressourcennutzung
müssen sowohl unter der jetzt lebenden Weltbevölkerung als auch im
Ablauf der Generationen gewährleistet sein. Um die Tragekapazität
der ökologischen Systeme nicht zu überschreiten, können der Natur
nicht unbegrenzt Rohstoffe entnommen und nur so viele Rest- und Schadstoffe
in sie eingebracht werden, wie sie ohne Schaden aufzunehmen vermag. Diese Kriterien
der Nachhaltigkeit nötigen dazu, den ökologischen Strukturwandel voranzubringen.
Er setzt Änderungen des Lebensstils voraus, und er zieht solche Änderungen
nach sich. Die Kirchen tragen dazu bei, eine Politik des ökologischen Strukturwandels
möglich zu machen, wenn sie den biblischen Gedanken der Umkehr auf Änderungen
des Lebensstils hin auslegen und an der Gleichsetzung von "gut leben"
und "viel haben" Kritik üben.
(33) Die Kirche hat eine Botschaft an alle Menschen. Für sie kann der
Horizont von Solidarität und Gerechtigkeit über Deutschland und Europa
hinaus nur ein weltweiter sein. Das ist von besonderer Aktualität zu einem
Zeitpunkt, an dem die Weltwirtschaft von Globalisierungsschüben erfaßt
ist. Diese Globalisierung ereignet sich jedoch nicht wie eine Naturgewalt, sondern
muß im Rahmen der Wirtschafts- und Finanzpolitik gestaltet werden. Sie
kann zahlreichen wirtschaftlich wenig entwickelten Ländern neue Chancen
geben. Die Chancen bestehen freilich nur so lange, wie die reichen Länder
bereit sind, ihre Märkte offenzuhalten und weiter zu öffnen. Das verlangt
den Menschen in Deutschland Umstellungen ab und ist für manche Wirtschaftszweige
mit Einbußen verbunden. Die Kirchen treten in dieser Situation dafür
ein, auch eine solche Entwicklung zu bejahen und zu fördern. Man kann nicht
zuerst nach Chancen wirtschaftlicher Entwicklung für die ärmeren Länder
rufen, aber dann zurückzucken, wenn es einen selbst etwas kostet. Die wirtschaftliche
und soziale Entwicklung der ärmeren Länder zu fördern, ist zudem
nicht nur ein Gebot weltweiter Solidarität und Gerechtigkeit, es ist auch
ein Gebot des Selbstinteresses: Es ist unerläßlich, um die Fluchtursachen
zu bekämpfen. Es ist Teil einer vorausschauenden Friedenspolitik.
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