8. Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse im Westen und im Osten Deutschlands wird noch für lange Zeit spürbar bleiben. Das Geschenk der Einheit muß wirtschaftlich und sozial mit Leben erfüllt werden.
(28) Die wirtschaftliche Lage im Osten Deutschlands hat sich nach dem tiefen
Einbruch von 1990/91 bemerkenswert verbessert. Dennoch ist die unterschiedliche
ökonomische Situation in den neuen Bundesländern gegenüber der
Situation in den alten Bundesländern alltäglich erfahrbar. Den Menschen
im Osten Deutschlands, insbesondere vielen Frauen, die die Hauptlast der Beschäftigungskrise
zu tragen haben, sind durch die Vereinigung schmerzliche Anpassungsprozesse
abverlangt worden. Sie halten weiter an.
(29) Für Westdeutsche ist es eine jahrzehntelange Erfahrung: Freiheit
hat ihren Preis; sie kann mißbraucht werden. Für viele Ostdeutsche
mischte sich in die Freude über die neugewonnene Freiheit das Erschrecken
über die Auflösung sozialer Bindungen und die Rücksichtslosigkeit
in der Verfolgung eigensüchtiger Interessen. Der Preis für den Auszug
aus der beherrschenden, aber auch betreuenden Diktatur der DDR war insbesondere
ein Verlust an Sicherheitsgefühl und staatlich geplanter Fürsorge.
(30) Die ökonomischen Leistungen, die den Westdeutschen für den
Aufbau der wirtschaftlichen Verhältnisse in den neuen Bundesländern
für längere Zeit abverlangt werden, sind unübersehbar. Es handelt
sich um einen Teil der Kriegsfolgelast Deutschlands. Die Opfer der Solidarität,
die im übrigen auch von den Menschen in den neuen Bundesländern erbracht
werden, sind vollauf gerechtfertigt. Die Bereitschaft, die erforderlichen Lasten
zu tragen, ist auch Grund zum Dank. Stimmen, die auf einen raschen Abbau dieser
Leistungen drängen, sollte nicht nachgegeben werden.
(31) Die Unterschiede der realen Lebensverhältnisse sind eine Folge der
getrennten Entwicklung in unterschiedlichen Systemen. Ihre Überwindung
gehört zu den Aufgaben der erneuerten Einheit der Deutschen. Sollte es
in dem reichen Deutschland nicht gelingen, das West-Ost-Gefälle auszugleichen
und die Lebensverhältnisse einander anzunähern - wie sollte man noch
die Hoffnung bewahren, daß im Blick auf die weit auseinanderklaffenden
Lebensverhältnisse in Europa und darüber hinaus ein größeres
Maß an sozialer Gerechtigkeit geschaffen werden kann? Dabei geht es nicht
einfach darum, den Osten im Produktions-, Konsum- und Infrastrukturniveau auf
"Weststandard" zu bringen. Um den Erfordernissen einer zukunftsfähigen
Gesellschaft zu entsprechen, müssen sich im Prozeß des weiteren Zusammenwachsens
beide Teile Deutschlands verändern.