2. Die Qualität der sozialen Sicherung und das Leistungsvermögen der Volkswirtschaft bedingen einander.
(6) Die Diskussionsgrundlage, mit der die Kirchen im November 1994 den Konsultationsprozeß
angestoßen haben, wurde häufig als "Sozialpapier" bezeichnet.
Das ist eine Verkürzung, die weder der Intention der Kirchen noch der gestellten
Aufgabe gerecht wird. Um beides soll es gehen: um die soziale und die wirtschaftliche
Lage. Denn die Qualität und finanzielle Stabilität der sozialen Sicherung
und das Leistungsvermögen der Volkswirtschaft bedingen einander. Verteilt
werden kann nur das, was in einem bestimmten Zeitraum an Gütern und Dienstleistungen
erbracht worden ist. Wird dieser Sachverhalt ignoriert und das gesamtwirtschaftliche
Leistungsvermögen dauerhaft durch einen überproportionalen Anstieg
der vom Staat vorgenommenen Umverteilung überfordert, dann werden die finanziellen
Fundamente der sozialen Sicherung unterspült.
(7) Der dynamische Charakter des marktwirtschaftlichen Systems, der dem Westen
Deutschlands vor allem in den 50er und 60er Jahren zugute gekommen ist, wirkt
sich gegenwärtig zugunsten anderer Anbieter in der globalisierten Wirtschaft
aus. Daraus entsteht ein Anpassungsdruck auf die deutsche Volkswirtschaft, der
sich auch im Abbau von Arbeitsplätzen niederschlägt. Die Schaffung
neuer Arbeitsplätze hält damit nicht Schritt. Die mit dieser Entwicklung
verbundenen Gefahren dürfen nicht verniedlicht und kleingeredet werden.
Es besteht dringlicher Handlungsbedarf.
(8) Die wirtschaftliche und soziale Situation in Deutschland darf aber auch
nicht schlechtgeredet werden. Die anhaltenden Exportüberschüsse belegen
die nach wie vor hohe Leistungsfähigkeit großer Teile der deutschen
Volkswirtschaft. Die Lohnstückkosten sind ein wesentlicher, freilich nicht
der alleinige ökonomische Faktor. Tarifpartnerschaft und soziale Sicherung
haben zu einem sozialen Frieden geführt, der sich als bedeutsamer Standortvorteil
erwiesen hat.