1. Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, ...
1. Die Kirchen wollen nicht selbst Politik machen, sie wollen Politik möglich machen.
(4) Das Wort der Kirchen ist kein alternatives Sachverständigengutachten
und kein weiterer Jahreswirtschaftsbericht. Die Kirchen sind nicht politische
Partei. Sie streben keine politische Macht an, um ein bestimmtes Programm zu
verwirklichen. Ihren Auftrag und ihre Kompetenz sehen sie auf dem Gebiet der
Wirtschafts- und Sozialpolitik vor allem darin, für eine Wertorientierung
einzutreten, die dem Wohlergehen aller dient. Sie betrachten es als ihre besondere
Verpflichtung, dem Anliegen jener Gehör zu verschaffen, die im wirtschaftlichen
und politischen Kalkül leicht vergessen werden, weil sie sich selbst nicht
wirksam artikulieren können: der Armen, Benachteiligten und Machtlosen,
auch der kommenden Generationen und der stummen Kreatur. Sie wollen auf diese
Weise die Voraussetzungen für eine Politik schaffen, die sich an den Maßstäben
der Solidarität und Gerechtigkeit orientiert.
(5) Der Konsultationsprozeß ist dafür ein vorzügliches Beispiel.
In ihm vollzog sich ein intensiver Prozeß der Bewußtseinsbildung
und des gemeinsamen Lernens. Das hat mit politischem Handeln viel mehr zu tun,
als auf den ersten Blick erkennbar ist. Handlungsfähigkeit und Handlungsbereitschaft
der Politik werden in der Demokratie entscheidend durch Einstellungen und Verhaltensweisen
aller Bürgerinnen und Bürger bestimmt. Der kirchliche Beitrag, wie
etwa im Konsultationsprozeß, ist um so erfolgreicher, je mehr es ihm gelingt,
Einstellungen und Verhaltensweisen zu verändern und dadurch die politischen
Handlungsspielräume zu erweitern, und umgekehrt um so erfolgloser, je weniger
er in dieser Hinsicht auslöst und bewirkt. In einer Demokratie sind die
Handlungsspielräume der Politik abhängig von den Einstellungen und
Verhaltensweisen der Wählerinnen und Wähler. Aus der Verantwortung
aber, die vorhandenen und die neu geschaffenen Handlungsspielräume mutig
zu nutzen, kann die Politik nicht entlassen werden.
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