Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz
legen ihr Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland in einer
Zeit vor, in der mutiges und weitsichtiges Handeln besonders gefragt ist. Die
Arbeitslosigkeit in Deutschland hat einen Höchststand nach dem Zweiten
Weltkrieg erreicht. Der Sozialstaat ist an Belastungs- und Finanzierungsgrenzen
gestoßen. Die traditionelle Sozialkultur befindet sich im Zuge der Industrialisierung
und Urbanisierung in einem starken Wandel und hat sich an vielen Stellen aufgelöst.
Anspruchsdenken und Egoismus nehmen zu und gefährden den solidarischen
Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Geleitet und ermutigt durch das christliche Verständnis vom Menschen,
durch die biblische Botschaft und die christliche Sozialethik wollen die Kirchen
ihren Beitrag zu der notwendigen Neuorientierung der Gesellschaft und Erneuerung
der Sozialen Marktwirtschaft leisten. Ihr Anliegen ist es, zu einer Verständigung
über die Grundlagen und Perspektiven einer menschenwürdigen, freien,
gerechten und solidarischen Ordnung von Staat und Gesellschaft beizutragen und
dadurch eine gemeinsame Anstrengung für eine Zukunft in Solidarität
und Gerechtigkeit möglich zu machen. Die Kirchen sehen es dabei nicht als
ihre Aufgabe an, detaillierte politische oder ökonomische Empfehlungen
zu geben. Es ist auch nicht ihre Sache, zu aktuellen politischen Streitfragen
Stellung zu beziehen und eine Schiedsrichterrolle zu übernehmen. Die Kirchen
sehen ihren Auftrag und ihre Kompetenz vor allem darin, für das einzutreten,
was dem solidarischen Ausgleich und zugleich dem Gemeinwohl dient.
Das Wort der Kirchen ist in sechs Kapitel gegliedert. Kapitel 1 nimmt eine
Würdigung des Konsultationsprozesses vor, der der Erstellung des gemeinsamen
Wortes vorausgegangen ist. Die Kapitel 2 bis 5 orientieren sich an dem Strukturprinzip
sehen - urteilen - handeln. Im Schlußkapitel soll deutlich
gemacht werden, daß das gemeinsame Wort für die Kirchen auch Selbstverpflichtung
bedeutet.
Die Kapitel 2 bis 5 haben einen unterschiedlichen Charakter. Kapitel 3 und 4
weisen auf die Prinzipien und Maßstäbe hin, die nach Ansicht der
Kirchen unabdingbare Voraussetzung für eine solidarische und zukunftsgerechte
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sind. Vor allem um diesen Grundkonsens
geht es den Kirchen. Dazu erhoffen sie sich eine breite Zustimmung. Die Konkretisierungen
und Richtungshinweise in den Abschnitten 2 und 5 hingegen sind ein Beitrag zur
öffentlichen Verständigung über Probleme und mögliche Lösungswege.
Den sechs Kapiteln vorangestellt ist eine Art Hinführung, die die Grundgedanken
systematisch zusammenfaßt. Dieser Kurztext kann und soll das
ausführliche Wort nicht ersetzen. Aber er erleichtert es, die Intention
der Kirchen zu erfassen und sich über ihre Grundanliegen einen Überblick
zu verschaffen.
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz
haben ihr Wort in einem breit angelegten Konsultationsprozeß vorbereitet.
An der Durchführung des Prozesses haben sich weitere Kirchen beteiligt.
Zahlreiche Stellungnahmen sind eingereicht worden. Allen, die auf die eine oder
andere Weise mitgewirkt haben, ist sehr herzlich zu danken.
Hannover/Bonn, am 22. Februar 1997
Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt,
Vorsitzender des Rates der Evangelischen
Kirche in Deutschland
Bischof Dr. Karl Lehmann,
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz