6.3.4 Christen und Muslime
(239.) An die 2,5 Millionen Muslime leben in Deutschland. Die meisten von ihnen wurden als ausländische Arbeitnehmer aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Tunesien und Marokko angeworben. Eine nicht geringe Zahl kam als Flüchtlinge aus vielen Ländern, vor allem aus Schwarzafrika und Asien. Wenig bekannt ist, daß sich zu den Muslimen ebenfalls auch einige tausend Einheimische zählen. Wenn sich die Muslime in ihrem Glauben auch eins wissen, so kommen sie doch aus unterschiedlichen Glaubenstraditionen und Kulturen. Sie versuchen in Deutschland ihren Glauben soweit möglich in den von den Vätern weitergegebenen Traditionen, Gebräuchen und Sitten zu leben. Ähnlich wie Christen leben die Muslime ihren Glauben mit unterschiedlicher Intensität.
(240.) Der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen ist erschwert durch die äußere Situation. Muslime sind überwiegend ausländische Staatsangehörige und leben als religiöse wie auch als gesellschaftliche Gruppe in der Minderheit. Sie suchen, in zumeist schwierigen Lebensumständen ihr persönliches, religiöses und kulturelles Leben zu verwirklichen. Diese Aspekte erschweren als oft unbewußt mitwirkende Einflüsse die Begegnung mit den Muslimen. Spannungen können sich auch daraus ergeben, daß Muslime oft für sich geschlossen in Siedlungsverdichtungen wohnen.
(241.) Aktuelle Bewegungen im Islam zeigen durch ihre fundamentalistische Richtung ein eher abstoßendes Bild, so daß die Begegnung mit den Muslimen durch diese den Islam verzerrenden Erscheinungsweisen Irritation erfährt. Auch die rechtliche, gesellschaftliche und soziale Benachteiligung von Christen in islamischen Ländern erschwert eine vorbehaltlose Begegnung zwischen Christen und Muslimen. Das gegenseitige Einräumen von rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichbehandlung ist ein Erfordernis aus dem Verständnis der Grundrechte des Menschen und demokratischer Gesellschaftsformen. Jede Bereitschaft zum Dialog fördert die Überwindung von Denkweisen, die statt eines offenen Gesprächs über das Gemeinsame und das Unterschiedliche die Konfrontation suchen und aus der Feindschaft gegeneinander leben.
(242.) Der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen ist auch erschwert, weil er anspruchsvoll ist von seinen inneren Bedingungen her. Der Islam nimmt insofern eine einzigartige Stellung ein, als er die einzige nachchristliche Weltreligion ist. Jeweils von ihrem Selbstverständnis her sind der Islam wie der christliche Glaube universal. Es erfordert eine besondere Kultur des Dialogs, daß Christen und Muslime einander in der Universalität ihres Glaubens ernst nehmen, daß sie in positiver Anerkennung des Gemeinsamen lernen, die Unterschiede wahrzunehmen und zu verstehen. Wo auch im Einsatz für gemeinsame humane Ziele ein gewisser Grad von gegenseitiger Sympathie und Kooperation gewachsen ist, wird auch der Weg frei für einen theologischen Dialog und für den Austausch geistlicher Erfahrungen.
(243.) Die Begegnung mit Muslimen und das interreligiöse Gespräch mit dem Islam zeigen einen großen Nachholbedarf an gegenseitiger Aufklärung über Glauben und Traditionen. Ein hoher Vorschuß an gegenseitigem Vertrauen muß den Dialog und die Begegnung untermauern. Der beiderseitige Wille zu einer gemeinsam zu gestaltenden Zukunft in Frieden müssen stets als Ausgangspunkt und Ziel das Gespräch und jede Begegnung bestimmen. Im derzeitigen Stadium der Begegnung geht es vor allem darum, die auf beiden Seiten vorhandenen Ängste und angestaute Aggressionen durch ehrliche, offene Gespräche abzubauen, sich gegenseitig Vorurteile bewußtzumachen sowie Verständnis und Achtung für den anderen, für die andere Religion, Kultur und Lebensweise zu wecken. Wenn Christen und Muslime einander offener und verständnisvoller begegnen und bei ihren Bemühungen um Brückenschlag lernen, ihre eigene Welt aus der Sicht des anderen zu begreifen, können auch die Meinungsunterschiede heraus- und aufgearbeitet werden.
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