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6.3.2 Interreligiöser und interkultureller Dialog


(229.) Die moderne Welt bringt es mit sich, daß immer mehr Menschen aus allen Religionen und Kulturen aufeinandertreffen und zusammenleben. Es entsteht ein neues Bewußtsein von weltweiten Gemeinsamkeiten auf der einen Seite und der Pluralität der Kulturen und Religionen auf der anderen Seite. Kultur und Religion stehen in einer verschränkten und komplexen Beziehung zueinander. Ein zentrales Moment dieser Beziehung ist der Dialog zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Er hat das Erkennen und Anerkennen von jenen kulturellen Werten, mit denen die Menschenwürde gewahrt wird, zur Grundlage. Sein Ziel ist es, Spannungen und mögliche Konflikte durch ein besseres Verständnis unter den verschiedenen Kulturen und Religionen abzubauen. Der Dialog kann zur Änderung von Haltungen gegenüber dem Dialogpartner beitragen. Er dient andererseits aber auch dazu, sich eigener traditioneller kultureller und religiöser Werte, die durch die Internationalisierung der Gesellschaft und die Mobilität und Flexibilität modernen Lebens bedroht sind, neu bewußtzuwerden, sie zu würdigen und zu erhalten. Der interreligiöse Dialog bleibt dabei zum einen an die Grundwahrheiten des eigenen Glaubens gebunden, zum anderen ist er dem Respekt vor dem Glauben und der Freiheit des anderen verpflichtet.

(230.) Neben äußeren Umständen, die in der vielfältigen Vernetzung der modernen Welt Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen schaffen, drängen auch die gesellschaftlichen Bedingungen des Zusammenlebens zum interkulturellen und interreligiösen Dialog. Die Menschenrechte als universale Grundrechte sowie demokratische Staats- und Lebensformen anerkennen unter dem Gebot der Toleranz die kulturelle und religiöse Verschiedenheit und nötigen doch zum Dialog. Voraussetzung für ein Gelingen dieses Dialogs ist die Gleichbehandlung der Mitglieder der verschiedenen Kulturen und Religionen in einer gemeinsamen rechtlichen, politischen und sozialen Ordnung. Auch die Kulturen von Minoritäten müssen sich der Anerkennung sicher sein dürfen, damit Dialog und interkulturelles Lernen auf den verschiedenen Ebenen zustande kommen können.

(231.) Durch geschichtliche Vorerfahrungen ist dieser Dialog belastet. Die westliche Kultur hat in der jüngeren Geschichte gegenüber allen anderen Religionen und Kulturen in Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien dominiert. Es wird immer wieder beklagt, daß von dieser Kultur ein "Imperialismus" ausgehe, der die Weltgesellschaft nicht nur ökonomisch und politisch, sondern durch Macht und weltweite Präsenz der westlichen Medien auch kulturell beherrsche. Unter diesem Eindruck kann unter den Angehörigen verschiedener Kulturen und Religionen eine doppelte Wirkung entstehen: Einerseits eine Unfähigkeit zum Dialog, wenn die eigene Kultur selbstverständlich als überlegen angesehen wird; andererseits eine Verweigerung des Dialogs, wenn die eigene Kultur nicht als gleichwertig anerkannt und als rückständig angesehen wird.

(232.) Zu Unrecht wird das Christentum mit dieser Art westlicher Kultur identifiziert, auch wenn es als bedeutender geschichtlicher Einflußfaktor gewirkt hat. Dennoch ist nicht zu leugnen, daß die christlichen Kirchen wie die westliche Kultur aus einem falschen Selbstverständnis heraus sich lange Zeit gegenüber anderen Religionen und Kulturen teilweise dialogfeindlich verhalten haben.

(233.) Durch die Verweigerung von interkulturellem und interreligiösem Dialog ergaben sich im Laufe der Geschichte immer wieder Feindbilder mit verhängnisvollen Folgen. So haben die Juden nicht zuletzt aufgrund der jahrhundertelangen Verweigerung eines Dialogs in einem gewalttätigen Antisemitismus immer neue Verfolgung erfahren.

(234.) Ein anderes traditionelles Beispiel gesellschaftlicher Dialogverweigerung erfahren auch noch heute Sinti und Roma. Durch Jahrhunderte wurden sie in allen Ländern verfolgt, des Landes verwiesen, kulturell diskriminiert oder gar rassistisch verfolgt und umgebracht. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Kultur und Tradition von Sinti und Roma fand bis heute nicht statt. Klischees und Vorurteile bestimmen auch heute noch vielfach das Denken und Verhalten der Mehrheitsgesellschaften gegenüber Sinti und Roma.

(235.) Zum Wesen der Kirche gehört der Missionsauftrag, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkündigen. Der interreligiöse Dialog als Methode und Mittel zur wechselseitigen Kenntnis und Bereicherung steht nicht im Gegensatz zum Missionsauftrag, vielmehr in einem inneren Zusammenhang mit ihm. Der interreligiöse Dialog eröffnet den Raum, in dem die eigentliche Verkündigung als Botschaft Gottes gehört werden kann. Die Übergänge zwischen Dialog und Verkündigung sind fließend. Als authentische Elemente des kirchlichen Evangelisierungsauftrages sind sie sowohl in ihrer engen Bindung als auch in ihrer Unterscheidung wahrzunehmen, damit sie weder verwechselt noch mißbraucht werden und auch nicht als austauschbar gelten. Der Dialog ergibt sich somit nicht aus Taktik oder Eigeninteresse. Er hat vielmehr Gründe und Erfordernisse eigener Art. Er hat seinen Ausgangspunkt im Respekt vor allem, was der Geist Gottes im Menschen bewirkt hat.

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