Oekumenische Treffen: Global
Oekumenische Treffen: Weltregional und national
Oekumenische Treffen: Basisbewegung
UN Konferenzen
NGO Begleitkonferenzen
Bibliographie
House of Studies
Kunstgalerie
Home
   

4.2.4 Menschen auf Wanderung und in der Fremde


(123.) Die Erzählungen der Bibel von der Urgeschichte des Menschen wollen nicht einfach Ereignisse der Vorzeit überliefern, sondern stellen zum Teil in archaischen Bildern grundlegende Gegebenheiten unserer Erfahrungswelt dar. Die Geschichte Israels weist die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrungen auf. Wanderung und Flucht gehören zum menschlichen Leben und sind zunächst ambivalent. Lösung aus vertrauten Bindungen, Aufbruch und Wanderung zu neuen Zielen gehören zum Wachsen und Reifen des Menschen. Darin liegt die Chance, Erfahrungen zu machen, den Lebenshorizont zu weiten und neue Lebenswelten zu entdecken. Wanderung, gewaltsam erzwungen aufgrund menschenunwürdiger Lebensbedingungen, Vertreibung und Flucht sind die negative Seite der Migration.

(124.) Die Frage Gottes an Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" bleibt ebenso aktuell wie die Reaktion Kains: "Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?" (1 Mose/Gen 4,9) Die Grundhaltung lautet: Was geht mich der andere Mensch an? Wo das menschliche Miteinander so zerstört ist, hat der Mensch kein Zuhause mehr. Von Kain heißt es, daß er rastlos und ruhelos auf der Erde war, bis er die Stadt Henoch gründete (vgl. 1 Mose/Gen 4). Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist die Geschichte von Menschen, die sich einen Namen machen wollen, indem sie einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen. Die Folge ist, daß sie einander nicht mehr verstehen und über die ganze Erde zerstreut werden. Die Stadt Babel (Wirrsal) steht für die Verwirrung der Sprachen in der Welt, damit aber auch für die konfliktreiche Vielfalt und Abgrenzung von Sprachen und Kulturen sowie das Sich-Absolutsetzen von Völkern und Nationen. Migration, Flucht und Fremde gehören zu den Bedingungen des Lebens in unserer gestörten Welt - sowohl im individuellen Bereich als auch auf der sozialen und politischen Ebene.

(125.) Es ist es kein Zufall, daß sowohl die Glaubensgeschichte Israels als auch die Geschichte der Kirche als eine Geschichte der Migration betrachtet werden können. Zudem war die Frühgeschichte Israels noch vom Nomadentum geprägt. Abraham, der Urvater Israels, wanderte auf Geheiß Gottes aus. Er zog weg "aus seinem Land, von seiner Verwandschaft und aus seinem Vaterhaus" in das Land Kanaan; er kam dorthin als Immigrant.

(126.) Jakob mußte vor seinem Bruder Esau fliehen und ging als Flüchtling nach Haran (vgl. 1. Mose/Gen 27,41ff). Nach seiner Rückkehr mußte er später mit seiner ganzen Familie infolge der großen Hungersnot nach Ägypten auswandern, wo seine Familie zu einem großen Volk wurde. In Ägypten machte Israel die Erfahrung der Fremde und der Unterdrückung. Die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens wurde für Israel die große Glaubenserfahrung, die für das Volk grundlegend wurde.

(127.) Ein altes Glaubensbekenntnis faßt die Erfahrung zusammen. Bei der Darbringung der Erstlingsfrüchte sollte jeder Israelit bekennen: "Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Herr führte uns mit starker Hand und hocherhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen." (5. Mose/ Deut 26,5-9)

(128.) Auswanderung aus der Heimat aufgrund von Not, der Erfahrung von Unterdrückung, Fremde und Heimatlosigkeit sowie die Befreiung in eine neue Zukunft hinein, das sind Grunddaten einer Theologie in Israel und bleiben gültige Erfahrungen in seiner Glaubensgeschichte.

(129.) Diese Geschichte setzt sich fort im Neuen Testament. Nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte machte die junge Kirche ähnliche Erfahrungen. Aufgrund einer heftigen Verfolgung mußten die Angehörigen der Urgemeinde aus Jerusalem fliehen. Migranten und Flüchtlinge, die nach Phönizien, Zypern und Antiochien kamen, brachten dorthin die Frohe Botschaft von Jesus Christus. In Antiochien gingen die judenchristlichen Migranten und Flüchtlinge auf die Griechen zu. Diese nahmen die neue Botschaft an und verstanden sie im kulturell religiösen Kontext neu. Ein wechselseitiges Verstehen und Bezeugen setzte ein. Es fanden noch heftige Auseinandersetzungen statt, bis dieser Prozeß von der judenchristlichen Gemeinde akzeptiert wurde. Lebenswelten prallten zusammen. Aber auf diesem Wege wuchs die Kirche (Apg 11 u. 15).

(130.) Aufbruch, Auswanderung, Migration, Flucht und Fremde sind nicht vorübergehende Phänomene unserer Zeit, sondern sind und bleiben Grundgegebenheiten des Lebens in dieser Welt. Sie dürfen nicht einseitig negativ gesehen werden. Migration bedeutet auch Begegnung mit anderen Menschen, mit anderen Sprachen und Kulturen. Sie bedeutet auch Erweiterung des Horizontes und Ergänzung. Daraus erwachsen neue Chancen für Wachstum und Reifen.

weiter


powered by <wdss>

© 2001 by Stiftung Oekumene | eMail: ECUNET@t-online.de | Druckversion

^