5. Auf dem Weg zum Europa von morgen - Nachdenken über die Vergangenheit
46. Jedes Nachdenken über die Zukunft Europas muß mit einer Reflexion
über die europäische Vergangenheit beginnen. Die europäische
Geschichte ist von großen kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften
und der Entwicklung der grundlegenden menschlichen Werte sowie von geistlichen
Einsichten und Erfahrungen geprägt. Zugleich ist sie eine Geschichte tiefsitzender
Neigung zur Gewalttätigkeit, die sich sowohl auf unserem eigenen Kontinent
als auch in der ganzen Welt ausgewirkt hat. Für viele Menschen in anderen
Ländern steht dieser relativ kleine Teil der Welt, der sich "Europa"
nennt, nicht für Streben nach Menschenwürde, Freiheit und sozialer
Gerechtigkeit, sondern für koloniale Ausbeutung, Sklaverei, Rassismus,
Diskriminierung, wirtschaftliche Ausbeutung, kulturelle Beherrschung und ökologische
Verantwortungslosigkeit.
47. Von Europa sind zudem in diesem Jahrhundert zwei Weltkriege ausgegangen.
Gerade in diesem Jahr 1989, d. h. fünfzig Jahre nach dem Ausbruch des letzten
Weltkrieges, erinnern wir uns der Toten, des Leidens, der Trauer, der Verbrechen
und der Verwüstungen, die dieser Krieg verursacht hat.
48. Als Christen sind wir für dies alles mitverantwortlich. Kirchenspaltungen
und Religionssstreitigkeiten hatten großen Einfluß auf die europäische
Geschichte. Viele Kriege waren Religionskriege. Millionen von Menschen sind
um ihres Glaubens willen gefoltert und getötet worden. In den großen
sozialen Konflikten, in denen es um Gerechtigkeit ging, haben die Kirchen oft
geschwiegen. Als Folge dieser Geschichte und des letzten Weltkriegs ist Europa
zu einem gespaltenen Haus geworden.
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