4. Sündenbekenntnis und Umkehr zu Gott (METANOIA)
41. Angesichts der Gefahren für die Zukunft der Menschheit wollen wir
die Wahrheit des Evangeliums bezeugen. Wenn wir auf das Wort Gottes hören,
erkennen wir unsere Verantwortung. Wir glauben, daß die Zukunft sich in
dem Maße öffnen wird, wie wir uns Jesus Christus zuwenden. Die Sackgassen,
in denen wir uns heute befinden, sind letztlich darauf zurückzuführen,
daß wir von Gottes Wegen abgewichen sind. Wir wollen verkünden, daß
Gott denen die Zukunft eröffnet, die zu Ihm umkehren.
42. Aber wir sind nicht in der Lage, so zu sprechen, als wären wir im
vollen Besitz der endgültigen Wahrheit. Die Kirchen und die Christen haben
in vieler Hinsicht versagt und haben nicht immer den Maßstäben von
Gottes Ruf entsprochen; manchmal haben sie es sogar versäumt, die Wahrheit
von Jesus Christus zu verkünden. Wir sind dankbar für das Zeugnis
der Generationen vor uns. Wir danken für das Engagement der vielen Christen,
die ihr Leben selbst bis ins Martyrium in den Dienst Christi gestellt haben.
In den Kirchen haben zwar prophetische Stimmen rechtzeitig vor den anstehenden
Gefahren gewarnt, aber wir müssen auch zugeben, daß das Zeugnis aller
Christen nicht deutlich genug gewesen ist. Zu lange waren wir blind gegenüber
der Tragweite und den Forderungen des Evangeliums im Blick auf Gerechtigkeit,
Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Gemeinsam mit anderen brauchen
wir einen neuen Anfang.
43. Wir bekennen unser Versagen gemeinsam und als einzelne. Wenn wir Christus
nachfolgen, sind wir dauernd mit den Forderungen Seines Rufes konfrontiert und
müssen unser Leben überprüfen. Der wahre Glaube an Christus ist
immer persönlich, aber er ist nie privat. In der Nachfolge Christi erkennen
wir, daß wir gefangen sind in Strukturen, die Ungerechtigkeit, Gewalt,
Verschwendung und Zerstörung ausbreiten. Sie sind das Ergebnis der Sünde
des Menschen, und sie scheinen oft den Kurs in die Zukunft zu bestimmen. Der
Weg, der zur Überwindung dieser Strukturen beginnt mit einem gemeinsamen
Sündenbekenntnis. Wenn wir uns gemeinsam Gott zuwenden, kann Er uns die
Freiheit schenken, einen neuen Anfang zu finden. Der ökumenische Prozeß
für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ist für
die Kirchen eine Bewegung zur Reue und neuem Leben:
- Wir haben versagt, weil wir nicht Zeugnis abgelegt haben von Gottes sorgender
Liebe für all und jedes Geschöpf und weil wir keinen Lebensstil
entwickelt haben, der unserem Selbstverständnis als Teil von Gottes Schöpfung
entspricht.
- Wir haben versagt, weil wir die Trennungen unter den Kirchen nicht überwunden
haben und weil wir die uns gegebene Autorität und Macht oft dazu mißbraucht
haben, falsche und eingeschränkte Solidaritäten wie Rassismus, Sexismus
und Nationalismus zu bestärken.
- Wir haben versagt, weil wir Kriege verursacht und nicht alle Möglichkeiten
ausgeschöpft haben, uns für Vermittlung und Versöhnung einzusetzen.
Wir haben Kriege entschuldigt und oft zu leicht gerechtfertigt.
- Wir haben versagt, weil wir nicht entschieden genug die politischen und
wirtschaftlichen Systeme in Frage gestellt haben, die Macht und Reichtum mißbrauchen,
die die natürlichen Ressourcen der Welt nur zum eigenen Nutzen ausbeuten
und Armut und Marginalisierung verewigen.
- Wir haben versagt, weil wir Europa als Zentrum der Welt und uns als den
anderen Teilen der Welt überlegen betrachtet haben.
- Wir haben versagt, weil wir nicht unablässig Zeugnis abgelegt haben
von der Heiligkeit und der Würde allen Lebens und von der Achtung, die
wir allen Menschen gleicherweise schulden, sowie von der Notwendigkeit, allen
Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Rechte auszuüben.
44. Gott bietet uns neues Leben und macht uns frei. Vergebung wischt indes
die Folgen unserer früheren Fehler und Irrtümer nicht einfach weg.
Wir bleiben an die Vergangenheit gebunden und müssen die Verantwortung
für die entstandene Situation übernehmen. Aber Vergebung eröffnet
uns von neuem die Perspektive des Reiches Gottes mit seinen erneuernden Kräften.
45. Gottes Vergebung zu suchen heißt, dem Ruf zur Umkehr (Metanoia) Folge
zu leisten. Umkehr zu Gott bedeutet mehr als ein bloßes Annehmen der Vergebung.
Umkehr bedeutet Änderung des Herzens, der Einstellung und der Geisteshaltung.
Unsere Umkehr zu Gott verlangt, daß wir uns aktiv Gottes Gerechtigkeit
zuwenden, Gottes Schalom annehmen und in Harmonie mit der ganzen Schöpfung
Gottes leben.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus den trennenden Unterschieden zwischen Armen und Reichen, zwischen Mächtigen
und Machtlosen,
- aus Strukturen, die Hunger, Entbehrung und Tod verursachen,
- aus der Arbeitslosigkeit von Millionen von Menschen,
- aus einer Welt, in der Menschenrechte verletzt und Menschen gefoltert und
isoliert werden,
- aus einer Lebensweise, in der moralische und ethische Werte unterhöhlt,
wenn nicht sogar verworfen werden,
in eine Gesellschaft, in der die Menschen gleiche Rechte besitzen und in
Solidarität miteinander leben.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus den ausgrenzenden Trennungen, die durch rassische, ethnische und kulturelle
Diskriminierung gefördert werden,
- aus der Mißachtung und der Marginalisierung der Zwei-Drittel-Welt,
- aus dem Erbe des Antisemitismus in unseren Gesellschaften und Kirchen und
dessen tragischen Konsequenzen
in eine Vielfalt der Kulturen, Traditionen und Völker in Europa.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus den Trennungen zwischen Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft,
- aus der Abwertung und dem Unverständnis für die unverzichtbaren
Beiträge der Frauen,
- aus den ideologisch fixierten Rollen und Stereotypen für Männer
und Frauen,
- aus der Weigerung, die den Frauen geschenkten Gaben für das Leben
und für die Entscheidungsprozesse der Kirche anzuerkennen,
in eine erneuerte Gemeinschaft von Männern und Frauen in Kirche und
Gesellschaft, in der Frauen auf allen Ebenen einen gleichen Teil der Verantwortung
tragen wie die Männer und in der sie ihre Gaben, Einsichten Werte und Erfahrungen
frei einbringen können.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus Krieg und Ideologien, die das Göttliche in jedem Menschen mißachten,
- aus der Vergötzung sowohl der konkreten Strukturen der Gewalt wie
des Militarismus,
- aus den destruktiven Folgen der für die Rüstung heute ausgegebenen
Riesensummen,
- aus einer Situation, in der der Einsatz des Militärs oder die Drohung,
es einzusetzen, notwendig erscheint, um die Menschenrechte zu bewahren oder
durchzusetzen,
in eine Gesellschaft, in der Friedensstiftung und die friedliche Lösung
von Konflikten unterstützt werden, und in eine Gemeinschaft von Völkern,
die solidarisch zum Wohl der anderen beitragen.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus der Trennung zwischen dem Menschen und der übrigen Schöpfung,
- aus der Herrschaft des Menschen über die Natur,
- aus einem Lebensstil und aus wirtschaftlichen Produktionsweisen, die die
Natur schwer schädigen,
- aus einem Individualismus, der die Integrität der Schöpfung zugunsten
privater Interessen verletzt,
in eine Gemeinschaft der Menschen mit allen Kreaturen, in der deren Rechte
und Integrität geachtet werden.
Umkehr zu Gott (Metanoia) bedeutet heute die Verpflichtung, einen Weg zu
suchen
- aus der Trennung, in der die Kirchen immer noch leben,
- aus dem Mißtrauen und der Feindseligkeit in ihrem Umgang miteinander,
- aus der Last der lähmenden Erinnerungen an die Vergangenheit,
- aus der Intoleranz und der Weigerung, die Religionsfreiheit anzuerkennen,
in eine Gemeinschaft, die sich bewußt ist, daß sie der ständigen
Vergebung und Erneuerung bedarf, und die Gott für seine Liebe und für
seine Gaben gemeinsam lobt und preist.
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