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II. Wissenschaft, Technik und die Zukunft der Menschheit


3.5. Den Bedrohungen des Friedens und Überlebens begegnen

II. Wissenschaft, Technik und die Zukunft der Menschheit

Die theologische Herausforderung

19. Die Kirchen können heute den Bedrohungen des Überlebens der Menschheit nur dann angemessen entgegentreten, wenn sie sich mit den Problemen und Perspektiven von Wissenschaft und Technik für die Zukunft der Menschheit auseinandersetzen. Der vom Ökumenischen Rat der Kirchen mit Wissenschaftlern und Technologen angebahnte Dialog, der seinen bisherigen Höhepunkt in der Konferenz über "Glaube, Wissenschaft und die Zukunft" in Boston erreicht hat, muß weitergeführt und vertieft werden.

20. Zu den bisher aus diesem Dialog gewonnenen Erkenntnissen gehören: a) Das wachsende Einverständnis in der Theologie darüber, daß wir Gott, die Menschheit und die Natur in ihrer Beziehung zueinander verstehen, die ihre Mitte in Christus findet. b) Die wachsende Erkenntnis der Wissenschaftler, daß Forschung keine wertfreie oder neutrale Tätigkeit ist, sondern in einer Welt betrieben wird, in der ethische Entscheidungen und ethische Werte gelten. c) Theologie und Wissenschaft bedienen sich verschiedener Sprachen, die weiterhin Probleme für den Dialog aufwerfen, die nur dadurch bewältigt werden können, daß beide Disziplinen die Denkansätze und Grenzen der jeweils anderen genau kennen. d) Die Menschheit muß die beiden Pole erkennen, um die und zwischen denen sich das Leben entwickelt und entfaltet - Schöpfer und Schöpfung. Der Versuch, einen dieser Pole außer acht zu lassen, hat verheerende Folgen.

21. Darum muß das Gespräch zwischen der Kirche und der Welt von Wissenschaft und Technik auf allen Ebenen fortgesetzt werden; es müssen dabei auch diejenigen einbezogen werden, die mit den Auswirkungen der technischen Entwicklung leben müssen. Dieser Dialog ist Teil des Zeugnisses der Kirche im Blick auf die Verantwortung der Welt für die Zukunft der Schöpfung. Sie ist somit ein Teilbereich der Theologie und der ökumenischen Sozialethik.

22. Heute sind Wissenschaft und Technik ausschlaggebend an drei Bedrohungen für das Überleben der Menschheit beteiligt: weltweites Wettrüsten, wirtschaftliche Macht und Ausbeutung und Umweltkrise. Wie sie daran beteiligt sind und welche Strukturen und Kräfte dabei eine Rolle spielen, muß noch genauer untersucht werden. Wie sie einer gerechten, partizipatorischen und überlebensfähigen Gesellschaft dienen können - diese Frage muß immer wieder konkret formuliert werden.

In einer Welt, in der viele Religionen und Ideologien nebeneinander leben, müssen alle an der gemeinsamen Suche nach Lösungen beteiligt sein.

23. Der Gedanken- und Meinungsaustausch innerhalb der christlichen Gemeinschaft muß fortgesetzt werden. Wir benötigen ethische Richtlinien für eine partizipatorische Gesellschaft, die sich für die Erhaltung der Umwelt verantwortlich fühlt und wirtschaftliche Gerechtigkeit verwirklicht sowie erfolgreich gegen die Mächte kämpft, die das Leben bedrohen und unsere Zukunft aufs Spiel setzen.

Schlüsselprobleme für den Dialog

24. Folgende Bereiche werden für den weiteren Dialog mit Vertretern der Wissenschaft vorgeschlagen:

  1. Technik wird als zerstörende Macht erfahren. In den Industrieländern wird die wirtschaftliche Macht, die mit Hilfe von Massenproduktion und -vertrieb errungen worden ist, immer stärker aufgeteilt. Die sozialen und ökologischen Kosten dieser Entwicklung sind jedoch hoch, und viele Menschen werden dafür zahlen müssen. Die sich aus der Umweltverschmutzung und aus den Risiken für Gesundheit und Sicherheit ergebenden Probleme bedrohen weiterhin das Leben der Menschen. In einer Zeit wirtschaftlicher Rezession besteht die Gefahr, daß diese Probleme übersehen oder als weniger dringlich betrachtet werden. In den Entwicklungsländern wird die Anwendung von Wissenschaft und Technik durch die Industrieländer weiterhin als Herrschaftsinstrument empfunden. Die Technologie ist das Sprungbrett des modernen Wirtschaftslebens, und die Entwicklungsländer glauben, daß sie in ihren Bemühungen um wirtschaftlichen Fortschritt in einen unaufhaltsamen, aussichtslosen technologischen Wettlauf geraten sind, in dem sie niemals eine führende Rolle spielen können. Der Preis, den ganze Gemeinschaften dafür zahlen, ist sehr hoch. Die Einführung fortschrittlicher Technologie wird mit größter Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen für die traditionellen Lebensformen haben, und der Teufelskreis der Ausbeutung der Ressourcen und der damit einhergehenden Umweltverschmutzung wird sich ständig wiederholen.
  2. Angepaßte Technologie. Angepaßte Systeme technologischer Entwicklung sollten im Blick auf überlebensfähige Entwicklungsstrukturen die einheimischen Kulturen und Ressourcen berücksichtigen. Aber die Macht von Wissenschaft und Technologie in der wirtschaftlichen Entwicklung ist so groß, daß sich die Frage nach Kontrollsystemen stellt, die vor allen Dingen in Entwicklungsländern angewandt werden könnten. Hauptakteure des Technologietransfers sind die transnationalen Konzerne, die oft eine Verzerrung von Entwicklungsstrukturen bewirken. Sie können lokale Initiativen ersticken, übermäßigen Einfluß auf nationale Entscheidungsfindung nehmen und insbesondere in gemischten Wirtschaftssystemen den öffentlichen Sektor unterminieren. Die wirtschaftlichen Kräfte, die für den Standort eines Industrieunternehmens ausschlaggebend sind, berücksichtigen Umwelt-, kulturelle und soziale Faktoren, die das Leben ganzer Gemeinschaften bestimmen, praktisch gar nicht. Unter diesen Umständen wird die sorgfältige Prüfung von Möglichkeiten für angepaßte Technologien, die auf einheimische, personelle und materielle Ressourcen zurückgreifen, gar nicht erst erwogen. Der Erfahrungsaustausch zwischen hochindustrialisierten und weniger industrialisierten Ländern könnte dazu beitragen, Strukturen menschlicher Entwicklung zu finden, die auf unterschiedliche Situationen anwendbar sind. Die Kirchen haben die wichtige Aufgabe, einen solchen Erfahrungsaustausch möglich zu machen und zu betonen, daß angepaßte Technologie für ein Land die Technologie ist, die es kontrollieren kann.
  3. Automation, Mikroelektronik und Beschäftigungsstrukturen. Neue Technologien stören und verzerren auch weiterhin den Rhythmus wirtschaftlicher Planung. Die Kirchen müssen mit diesen Entwicklungen Schritt halten, und der ORK hat hier eine besondere Verantwortung, die Kirchen auf dem laufenden zu halten.

Drei Folgerungen lassen sich ziehen:

  • Die Technologie neigt dazu, die Wissenschaft und die kommerziellen Interessen zu bestimmen, die praktisch keiner öffentlichen Rechenschaftspflicht unterliegen.
  • Es gibt kaum systematische Gesamtplanung mit vorheriger Untersuchung der gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Neuerungen.
  • Die Idee technologisch bedingten Wachstums wird benutzt, um harte wirtschaftspolitische Maßnahmen zu rechtfertigen ("Automatisierung oder Liquidation").

Die Mikroelektronik macht die Frage nach der Technologie wegen ihrer rasanten Entwicklung und breiten Anwendung ganz besonders akut. Technologie kann dazu dienen, menschliche Fähigkeiten zu entfalten, zu ersetzen oder umzuwandeln. Die Frage muß also lauten: "Welches sind die ethischen Kriterien für den Einsatz einer bestimmten Technologie in diesem besonderen sozialen und kulturellen Kontext?"

Die Kontrolle über Wissenschaft und Technik

25. Wissenschaft wie auch Technik sind Formen der Macht und können als Kräfte im Kampf um die Macht eingesetzt werden. Gewisse Formen der unmittelbaren Kontrolle werden bereits durch den sozialen Rahmen ausgeübt: z.B. durch Hochschul- und Forschungseinrichtungen, Industrieunternehmen und Ministerien. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten der Kontrolle. Es läßt sich nicht voraussagen, welche Richtung die reine Wissenschaft einschlagen wird, und die Freiheit der Wissenschaft kann hier sehr wohl Vorrang besitzen. Technik läßt sich leichter kontrollieren, und es mag nützlich sein, verschiedene Technologien nach kurz- und langfristigen Vor- und Nachteilen einzuordnen.

26. In manchen Ländern sind Wissenschaft und Technik unter staatlicher Kontrolle zentralisiert. In allen Ländern kann der Staat eine gewisse Kontrolle ausüben; möglicherweise ist er aber dazu nicht bereit oder übt sie in destruktiver Weise aus. Interessengruppen können auf die schlimmsten Mißbräuche aufmerksam machen. Aber sowohl Regierungen als auch Interessengruppen sind Bestandteil größerer sozio-ökonomischer und kultureller Zusammenhänge, die selbst vielleicht grundlegender Veränderungen bedürfen, wenn Wissenschaft und Technik wirklich humanen Zielen dienen sollen. Hier liegt eine Aufgabe für die Kirchen, Kritik an Erwartungen und Prioritäten zu üben.

27. Eine große Vielfalt von Beratungsgremien, an denen die Öffentlichkeit beteiligt ist, kann eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung von Richtlinien für die Entwicklung in Wissenschaft und Technik und bei der Überprüfung der Ergebnisse spielen. Auch Wissenschaftlern und Technologen kann man helfen, ihre eigenen Aktivitäten kritischer zu betrachten. Dazu gehört im einzelnen:

  1. Die wissenschaftliche Ausbildung muß ihre soziale Verantwortung ernst nehmen. Die künftigen Wissenschaftler dürfen nicht zu einer abgesonderten Elite werden, die zum kulturellen Erbe ihres Volkes keine Beziehung mehr hat und sich der sozialen und ethischen Implikationen ihrer Arbeit nicht bewußt ist;
  2. Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und freier Austausch von Information sind wesentlich für die Wissenschaft. Wissenschaftler sollten in ihrem Widerstand gegen zunehmende Geheimhaltung unterstützt werden;
  3. Die wachsende Zahl von Organisationen, denen es um die Vertiefung bewußt übernommener Verantwortung geht, ist ein ermutigendes Zeichen. In diesem Bereich können Wissenschaftler und Christen gemeinsam tätig werden.

Besondere Problembereiche

28. Bio-Ethik: Rasche Fortschritte in der Gen-Technologie, in der künstlichen Befruchtung und verwandten Techniken haben drängende Fragen zur Integrität des menschlichen Wesens, zu Würde und Wert des menschlichen Körpers, zur Beziehung zwischen Zeugung und Elternschaft und zu den sozialen Konsequenzen des direkten Eingreifens in das genetische Erbe des Menschen geführt. In diesem Bereich sind weitreichende Entscheidungen bereits getroffen worden, und wir glauben, daß es für die Kirchen von größter Wichtigkeit ist, sie zu überwachen und in die laufende Diskussion ein tieferes theologisches Verständnis vom Wesen des Menschen einzubringen.

29. Der Bericht von "Kirche und Gesellschaft" über die Manipulation von Lebewesen (1982) hebt einige dieser Probleme hervor. Wir unterstützen seine Empfehlungen, und ganz besonders diejenige, wonach "Wissenschaftler in aller Welt ... sich an keinerlei Forschung im Zusammenhang mit der Produktion chemischer und biologischer Waffen beteiligen (sollten)". Wir bitten dringend, die in diesem Bericht begonnene Arbeit fortzusetzen und auf eine stärkere theologische Grundlage zu stellen. Wir nehmen auch die positiven Wirkungen der Gen-Technologie, besonders in der Landwirtschaft, zur Kenntnis, sehen aber gleichzeitig die möglichen schädlichen Auswirkungen angesichts des Wettbewerbs auf dem Weltnahrungsmittelmarkt. Die Vorteile sollten allen Armen auf der Welt zugute kommen.

30. Wir lenken die Aufmerksamkeit auf ebenso ernste Probleme in der Bio-Ethik, wie z.B. die Heranziehung von Menschen zu wissenschaftlichen Forschungszwecken ohne deren vollständige Kenntnis oder ausdrückliche Zustimmung und die wahllose Ausfuhr schädlicher Medikamente in Länder der Dritten Welt.

31. Energie-Optionen: Langfristige Auswahl von erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Energievorräten muß für alle Länder noch getroffen werden und muß weiterhin für die Kirchen und den ÖRK ein besonderes Anliegen bleiben.

32. Die Konferenz "Glaube, Wissenschaft und die Zukunft" in Boston ist ein Meilenstein in der Geschichte des Energiestudienprogramms der Untereinheit Kirche und Gesellschaft gewesen. Sie folgte dem Sigtuna-Hearing über die Folgen ziviler Atomenergieprogramme (1975); ihre Nacharbeit wurde erst kürzlich mit mehreren regionalen Konsultationen in der Dritten Welt im Rahmen des Programms "Energie für meinen Nächsten" abgeschlossen. Seit der Bostoner Konferenz ist Energieplanung aufgrund der gesunkenen Nachfrage nach Erdöl und aufgrund des defacto-Moratoriums für den Bau neuer Atomkraftwerke erheblich erschwert worden. Die zugrundeliegenden Probleme, nämlich der Abbau nicht erneuerbarer traditioneller Brennstoffe und die rapide Entwaldung, sind nach wie vor akut. Seit der Katastrophe von Harrisburg exportiert die Atomindustrie neue Typen kleinerer Fertigbaureaktoren in die Dritte Welt. Dies wirft schwerwiegende moralische, ökonomische und politische Pro bleme auf, die unter Berücksichtigung der weltweiten Energiesituation sehr gründlich zu prüfen sind.

33. Eine Lösung der Energiekrise in den nächsten Jahrzehnten ist daher von lebenswichtiger Bedeutung für die Ärmsten der Armen und sollte folglich von den Kirchen der Welt als äußerst dringende Aufgabe betrachtet werden.

34. Wir haben hier nur einige der durch Wissenschaft und Technik aufgeworfenen theologischen, ethischen und sozialen Probleme angesprochen. In den kommenden Jahren werden viele weitere hinzukommen. Es ist daher dringend notwendig, daß die Kirchen Mittel einplanen und angemessene Strukturen entwickeln, um Probleme wie die folgenden in Angriff nehmen zu können: die Herrschaft der Technik über die Kultur; die menschlichen und gesellschaftlichen Folgen der weiterhin andauernden technologischen Revolution; Kriterien und Strukturen für eine soziale Kontrolle von Wissenschaft und Technik und neuere Fragestellungen im Dialog zwischen Wissenschaft und Glauben.

(Bericht aus Vancouver 1983, Offizieller Bericht der Sechsten Vollversammlung des, Ökumenischen Rates der Kirchen, 24. Juli bis 10. August 1983 in Vancouver/Kanada, Herausgegeben von Walter Müller-Römheld, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1983, 338 S., ISBN 3 87476 212 2, S. 98 - 109)

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