Vom 5.-12. März 1990 kamen Vertreterinnen und Vertreter vieler christlicher
Kirchen und Bewegungen aus Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika, Nordamerika,
dem Nahen Osten, aus der Karibik und dem Pazifik in Seoul (Korea), zusammen,
um darüber zu beraten, wie sie gemeinsam auf die Bedrohungen durch Ungerechtigkeit,
Gewalt und die Zerstörung der menschlichen Umwelt reagieren können.
Sie faßten ihre Beratungsergebnisse in dem nachstehenden Bericht zusammen,
den sie Christen und Gemeinden, Kirchen und Bewegungen in der Hoffnung vorlegen,
daß er zu stärkerer Zusammenarbeit mit all denen beitragen wird,
die ihre Sorgen und Bemühungen teilen.
1) Gott - Spender allen Lebens
Wir sind hier in Seoul zusammengekommen, um darüber zu beraten, wie wir
gemeinsam den Bedrohungen entgegentreten können, denen unsere Generation
gegenübersteht. Wir sind hierher gekommen, weil wir miteinander glauben,
daß Gott, der Spender allen Lebens, seine Schöpfung nicht verlassen
wird. Wir sind voller Zuversicht und Hoffnung, aber auch in tiefer Besorgnis
über die derzeitige Situation und die Zukunftsaussichten zusammengekommen.
Die Menschheit hat offenbar eine qualitativ neue Epoche ihrer Geschichte erreicht.
Sie ist dazu in der Lage, sich selbst zu vernichten. Die Lebensqualität
sinkt, das Leben selbst steht auf dem Spiel. Wir sehen uns neuen, unauflöslich
miteinander verbundenen Bedrohungen gegenüber:
- tief verwurzelten, tödlichen Formen der Ungerechtigkeit: Ein
kleiner Teil der Weltbevölkerung lebt in so großem Wohlstand
und verfügt über soviel Macht, wie dies aus der Vergangenheit
unbekannt ist. Gleichzeitig fristen Millionen von Menschen ihr Leben in
erdrückender Armut, Hunger und Unterdrückung;
- alles erfassender Gewalt in offenen und noch nicht ausgebrochenen
Konflikten und zunehmender Menschenrechtsverletzungen: Folter, Hinrichtungen
ohne Gerichtsverfahren und Völkermord sind zu Kennzeichen unserer Zeit
geworden;
- rasch fortschreitender Umweltzerstörung: Was das Leben bewahren
soll, wird Schritt für Schritt vernichtet: Viele Tier- und Pflanzenarten
sind ein für alle mal durch menschliches Einwirken ausgerottet worden.
Die eigentliche Gefahr liegt im Zusammenhang dieser Bedrohungen. Alle zusammen
stellen eine Krise weltweiten Ausmaßes dar. Ohne weitreichende Veränderungen,
die jetzt stattfinden müssen, wird sich die Krise verschärfen. Sie
kann zu einer wirklichen Katastrophe für unsere Kinder und Enkelkinder
werden.
2) Der Bund Gottes
Angesichts der Ungewißheit über die Zukunft erinnern wir uns des
Bundes, den Gott mit den Menschen und mit der ganzen Schöpfung geschlossen
hat.
- Gott, der Liebe ist, wohnt nicht in unerreichbaren Höhen, sondern
ist als erhaltende Macht in der Schöpfung gegenwärtig. Gott lebt
in allem, was atmet und wächst. Die Menschen, Männer wie Frauen,
sind als Partner Gottes geschaffen und berufen, Gottes Liebe, die alles
umfaßt, zu bezeugen.
- Obwohl die Menschen immer wieder die Stellung und die Aufgabe, die ihnen
Gott gegeben hat, ablehnen und mißbrauchen, überläßt
Gott sie nicht sich selbst. Gott ist bereit, die zerbrochene Gemeinschaft
wiederherzustellen. Das Zeichen des Regenbogens erinnert uns an die Verheißung:
"Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen
und mit allen Lebewesen." (l. Mose 9, 9-10).
- Immer wieder wurden Menschen erwählt, um Gottes gute Absicht zu bezeugen.
Abraham wurde verheißen, daß durch ihn "alle Geschlechter
der Erde gesegnet werden" sollten (l. Mose 12,3). Gott schloß
einen Bund mit Israel, mit dem er Israel zum Dienst an der ganzen Erde berief.
(Jesaja 42,1-7).
- Gottes Bundesschlüsse sind in Jesus Christus erfüllt worden.
Die Verheißung des neuen Bundes, der in die Herzen der Menschen gegeben
werden sollte, wurde durch Christi Menschwerdung und seinen Tod am Kreuz
als der höchsten Ausdrucksform sich selbst aufopfernder Liebe zu einer
geschichtlichen Wirklichkeit. Durch die Auferstehung wurde Gottes unwiderrufliches
Ja zum Leben unübersehbar.
- Durch die Taufe sind wir in den Bund Christi hineingenommen. Wenn wir die
Eucharistie (das Abendmahl) feiern, werden uns immer wieder die Worte zugesprochen:
"Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut" (l. Korinther
11,25). Die Eucharistie nimmt hier und heute Gottes Reich der Gerechtigkeit
und des Friedens, des neuen Himmels und der neuen Erde, die kommen sollen,
vorweg; dieses Mahl teilen wir mit Christus, der mit allen, die Ungerechtigkeit
und Gewalt leiden, ist.
- Die Gemeinschaft des Bundes steht allen Menschen offen. An Pfingsten sind
Mauern niedergerissen worden. Durch den Heiligen Geist entsteht eine neue
Gemeinschaft, zusammengerufen aus den verstreuten und verfeindeten Völkern,
Religionen, Klassen, Geschlechtern, Altersgruppen und Rassen. Durch den
Heiligen Geist haben wir alle Zugang zu Gott. Der Heilige Geist drängt
uns, Gottes Gaben in allen Menschen und an allen Orten zu erkennen und uns
über sie zu freuen.
3) Nachfolge in einer Zeit des bedrohten Überlebens
Was heißt es für Christen, in diesem Augenblick der Geschichte auf
Gottes Bund einzugehen?
- Christus ruft uns in die konsequente Nachfolge. Die Gefahren, die uns bewußt
werden, erinnern uns daran, welchen Preis wir dafür zahlen müssen,
daß wir uns von Gottes Bund abgewandt haben. Die Liebe Gottes, die
rettet und heilt, wird dann wirksam, wenn wir Christus kompromißlos
nachfolgen
- Gottes Liebe ist zuerst mit den Schwachen, den Armen und den Unterdrückten.
Gott vergißt nicht, welche Gewalt der Mensch dem Menschen angetan
hat. Wir erfahren Gottes Gegenwart und Liebe, wenn wir uns an die Seite
der Leidenden stellen und uns an ihrem Kampf gegen die unterdrückenden
Mächte beteiligen, die den Menschen ihre Würde rauben und das
Gesicht der Erde zerstören. Der Zorn und die Rebellion der Unterdrückten
sind Zeichen der Hoffnung auf eine menschlichere Zukunft.
- Gewaltsame Auseinandersetzungen sind heute angesichts der komplexen modernen
Gesellschaft und der Gefährdung des Friedens zwischen den Völkern
eine größere Gefahr als jemals zuvor in der Geschichte. Der Krieg
ist kein Mittel mehr zur Beilegung von Konflikten. Es ist die Aufgabe der
Kirche, der Gerechtigkeit, der Versöhnung und dem Frieden zu dienen.
- Gottes Bund reicht über die heute auf der Erde lebenden Menschen hinaus
und gilt auch den kommenden Generationen und der ganzen Schöpfung.
Wenn die Menschheit überleben will, müssen die Rechte kommender
Generationen und der ganzen Schöpfung sichergestellt werden.
- Wenn die Kirchen auf die heutigen globalen Bedrohungen angemessen antworten
wollen, müssen sie ihrer umfassenden Berufung auf neue Art gerecht
werden. In unserer Zeit müssen sie wie ein Leib handeln, nationale
Grenzen überwinden und gleichzeitig die Schranken der Ungerechtigkeit
niederreißen, die den Leib Christi zertrennen.
4) Buße und Umkehr
Wenn wir nach den Konsequenzen des Bundes Gottes fragen, wird uns bewußt,
wie sehr wir Gottes Liebe durch unser Zeugnis und Leben unkenntlich machen.
Die Sackgasse, in der wir zur Zeit sind, ist das Werk der Menschen. Wenn wir
aus ihr herausfinden wollen, müssen wir einen völlig neuen Weg einschlagen.
Gott ruft uns alle zur Buße und Umkehr. Lasset euch versöhnen mit
Gott, der Quelle des Lebens! Dieser Ruf hat nicht dieselbe Bedeutung für
alle Menschen. Der Ruf Jesu zum Leben hatte viele Ausdrucksformen:
- für die Reichen hieß er, befreit euch von der Macht des Geldes,
- die Kranken forderte er auf, an Gottes Liebe und heilende Macht zu glauben,
- die Verzweifelten rief er auf, die Hoffnungslosigkeit zu überwinden,
- die Privilegierten ermahnte er, ihren Reichtum und ihre Macht zu teilen,
- die Gebildeten sollten ihrem Stolz und ihrer Überheblichkeit absagen,
- die Schwachen, sich selbst mehr zuzutrauen.
Auch heute ruft uns Jesus auf unterschiedliche Weise. Wir leben unter völlig
verschiedenen Bedingungen, und wir haben noch längst nicht verstanden,
was es mit diesen Unterschieden auf sich hat. Aber Jesu Ruf erreicht uns in
den Bedrohungen unserer Zeit. Buße und Umkehr sind zu Bedingungen des
Überlebens geworden.
Wer sind wir vor Gott? Wir können die Antwort darauf nicht allein finden.
Wir sind uns gegenseitig rechenschaftspflichtig, wir brauchen einander, um zu
begreifen, wer wir vor Gott sind. Eine weltweite geschwisterliche Gemeinschaft
wird erst wachsen, wenn wir gelernt haben, aufeinander zu hören, uns mit
den Augen der anderen zu sehen, uns gegenseitig unsere Ratlosigkeit und unser
gemeinsames Versagen einzugestehen.
5) Eine Gemeinschaft der Hoffnung und des Teilens
Umkehr ist der Weg zu einer neuen, sicheren Hoffnung - zu der Gewißheit,
daß der Lauf der Geschichte veränderbar ist. Wir lassen uns leicht
von Zweifeln überwältigen:
- Hatte nicht immer die Macht das letzte Wort?
- Lassen sich die Opfer überhaupt vermeiden?
- Gehören Krieg und Haß nicht zur Natur des Menschen, sind sie deshalb überhaupt überwindbar?
- Folgt die technologische Entwicklung nicht ihren eigenen Gesetzen, und läßt sie sich deshalb überhaupt verändern und kontrollieren?
Christliche Hoffnung ist eine Form des Widerstandes gegen solchen Fatalismus.
Diese Hoffnung möchten wir allen Menschen weitersagen. Wir wollen uns
mit ihnen in einer gemeinsamen Bewegung vereinen. Wir wollen aus den Erfahrungen
aller Menschen lernen und teilhaben an der Hoffnung, die sie in ihrem Kampf
trägt.
6) Singet dem Herrn ein neues Lied
Diese Einladung ist mehr als einfach eine neue Stimmung. Der Psalmist will,
daß wir die großen Taten Gottes preisen, die Gott heute in unserer
Mitte tut. Wir sind eingeladen, uns der Zukunft zu öffnen und immer wieder
neu die Zeichen der Zeit zu erkennen. Bei unserer gemeinsamen Suche nach einer
heutigen Antwort auf Gottes Bund während der Weltversammlung ist uns bewußt
geworden, wie rasch sich die Welt verändert und uns vor immer neue Herausforderungen
stellt. Darum müssen wir im Prozeß gegenseitiger Verpflichtung für
Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung zusammenstehen und
uns vorbereiten auf eine neue Hoffnung, neue Verpflichtungen und neues Handeln.
Als Jesus begann, seinem Auftrag zu dienen, berief er sich in der Synagoge
von Nazareth auf den Propheten Jesaja und verkündete das "Gnadenjahr
des Herrn" (Lukas 4,19). Dieses Wort bezieht sich auf das "Jubeljahr"
(3. Mose 25), das Israel alle fünfzig Jahre feiern sollte, um Unrecht wiedergutzumachen
und Unterdrückung zu beseitigen. Damit sollte bewußt gemacht werden,
welche Grenzen dem Anspruch der Menschen auf Gottes Schöpfung gesetzt sind.
Jesus verkündet ein andauerndes Jubeljahr* und fordert damit von der Kirche,
daß sie immer und überall bezeugt, was Gerechtigkeit und Versöhnung
sind und was die Würde und die Rechte der Natur fordern.
Die Gemeinschaft des Bundes ist eine Gemeinschaft des Jubeljahres im Dienst
aller Menschen.
weiter
|
|
© 2001 by Ulrich Schmitthenner
Bildschirm-Version |