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Die zentrale Bedeutung der Gerechtigkeit


Botschaft des Gerechtigkeit-Forums

 

Wir sind in Seoul zusammengekommen in der Überzeugung, daß Gerechtigkeit das Herzstück des Weges zu "Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", und daß das Volk das Herzstück des Konziliaren Prozesses sein muß. Die Geschichten, die wir in diesen Tagen voneinander gehört haben, bestätigen aufs neue die zentrale Bedeutung der Gerechtigkeit.

Wir haben vom Leiden und Kampf des Volkes an vielen Orten gehört: Urbewohner des Pazifik, Dalits aus Indien, Palästina, El Salvador, Südafrika. Mit besonderer Aufmerksamkeit hörten wir den Schmerz des Volkes in Sri Lanka und die Drangsal der Koreaner in Japan. Wir lernten die vielen Namen und Gesichter der Ungerechtigkeit kennen.

Aber das entscheidende Anliegen der Gerechtigkeit, das wir während der Weltversammlung in Seoul und über sie hinaus vorbringen wollen, ist dies: die ungerechte Anhäufung von Reichtum und Macht in unseren Gesellschaften und in unseren Kirchen.

Diese Anhäufung hat ihren Grund in der Anbetung von Kapital und Profit zu Lasten des Volkes. Wir gebrauchen das Wort "Anbetung" absichtlich. Es bezeichnet die Entscheidung für die Götzen des Todes anstatt für den Gott des Lebens. Diese ungerechte Anhäufung beraubt die Menschen ihres Landes, entfremdet sie von ihrer Arbeit, stärkt Rassismus, Sexismus und Kastenherrschaft. Sie wird mit allen Mitteln gegenüber den Armen aufrechterhalten und durch den Einsatz von Gewalt in vier Erscheinungsformen verteidigt: politische, ökonomische, soziale und psychologische Gewalt in einer Strategie, die irreführend Low Intensity Conflict (LIC) (Konflikt mit geringer Intensität) genannt wird.

Geist, Logik und Praxis dieser ungerechten Anhäufung von Reichtum und Macht müssen zurückgewiesen werden, wenn die Kirche dem Evangelium und seinem Ruf "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" treu sein will. Ureinwohner sehen die Gerechtigkeit als das Kernstück von Bewahrung der Schöpfung an. Wir sollten Schöpfungsbewahrung nicht auf die Umwelt beschränken, noch weniger aber sie der Gerechtigkeit entgegenstellen in einem falschen Ringen um Prioritäten. Menschen und Natur bilden die eine Schöpfung. Ungerechtigkeit gegenüber einem von beiden ist auch Ungerechtigkeit gegenüber dem anderen Teil. Wenn wir die Umwelt zerstören, begehen wir Ungerechtigkeit, vor allem an den kommenden Generationen. Auch wenn Menschen die Umwelt zerstören, weil sie in Not sind - und nicht aus Gier -, ist ihre Not die Auswirkung einer anderen Ungerechtigkeit.

Der Zwang, Auslandschulden zurückzahlen zu müssen, zerstört die Wälder in Brasilien und Ghana. Die Notwendigkeit, ihre Familien zu ernähren, zwingt die Bauern, das Anbauland zu verkleinern, und zerstört Land, denn es ist soviel von ihrem Land gestohlen worden, in den Cordilleras der Philippinen und unter den Urbewohnern Amerikas. Die Notwendigkeit, Essen kochen zu müssen, zwingt Frauen im Sahel, Büsche und Bäume zu zerstören, weil sie in Armut gefangen sind.

Die Notwendigkeit einer Ausbildung zwingt Urbewohner, sich von ihren Wurzeln und ihrem Land zu entfremden. Die Umwandlung von natürlichen Wäldern in kommerziell genutzte Ware beraubt Menschen, Tiere und Vögel ihrer Lebensgrundlage.

Wir können die Zerstörung der Umwelt nicht leichthin abtun, selbst wenn ihre direkte Ursache aus der Not erwächst. Aber wir müssen die Ungerechtigkeit verurteilen, die die Notleidenden zwingt, die Ganzheit der Schöpfung zu zerstören.

Wir sind in Seoul zusammengekommen, um unsere Überzeugung zu überprüfen, daß eine feste Partnerschaft für Gerechtigkeit zwischen Volksbewegungen und Kirchen geschlossen werden muß. Wir bekräftigen aufs neue, daß Volksbewegungen unsere ersten und entscheidenden Partner sind. Wir sollten Menschen, ganz gleich wie arm und machtlos sie aussehen, niemals nur als Opfer der Ungerechtigkeit oder als Empfänger von Wohltätigkeit ansehen. Das Volk ist die Hauptquelle für Gerechtigkeit, wenn es sich organisiert in Basiserziehung, wenn es Netzwerke entwickelt und Koalitionen bildet, und wenn Menschen Kraft bekommen, gleichberechtigte, mitgestaltende Subjekte ihrer Gegenwart und Zukunft zu werden. Wir suchen keine abstrakte Definition für das "Volk". Wir kennen die Namen und Gesichter von Männern, Frauen und Kindern, Arbeitern und Campesinos, Urbewohnern und Unberührbaren, Armen in Städten und ländlichen Gebieten.

Volksbewegungen können sich nicht darauf beschränken, Ungerechtigkeit nur anzuprangern. Sie müssen Verantwortung übernehmen, alternative Entwürfe der Gerechtigkeit zu schaffen. Dies ist eine schwierige Aufgabe, und wir müssen aus den Schwächen, Fehlern und Rückschlägen früherer Entwürfe lernen. Wir behaupten nicht, endgültige Alternativen gefunden zu haben. Aber wir bekräftigen, daß jede Alternative das Volk in den Mittelpunkt stellen muß. Es kann nicht beseite geschoben oder ausgetauscht werden zugunsten von Kapital, Macht oder Ideologien.

Die Macht des Volkes schließt die Macht seiner Spiritualität ein. Der Geist hat viele Namen und sollte nicht sofort religiös als christlicher Ausdruck verstanden werden. Das Volk erhält Kraft aus verschiedensten Traditionen, und Volksbewegungen entwickeln einen tieferen Sinn von ökumenischer Zusammengehörigkeit, wenn sie ihre ursprüngliche Spiritualität entdecken. Für Christen ist die zentrale Bedeutung des Volkes auf die Spiritualität und Theologie der Menschwerdung gegründet.

Wir rufen die Kirchen auf, diese Wahrnehmung der Menschwerdung ernstzunehmen, wenn sie Partner für Gerechtigkeit werden wollen. Wir richten an die Kirchen keine endgültigen Verurteilungen. Wir erkennen an, daß Kirchen in verschiedenen, jeweils besonderen Kontexten Gestalt bekommen haben, in ihrer Geschichte und sozialen Stellung, in vorherrschenden Bündnissen und Allianzen. Weil wir unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit der Kirche haben, hat das Gerechtigkeit-Forum eine Vielfalt von Ansichten über die Möglichkeiten von Partnerschaften zwischen Volksbewegungen und Kirchen zu Wort kommen lassen. Einige zweifeln ernsthaft daran, ob Kirchen überhaupt Partner sein können, solange sie nicht Buße tun und ihre Komplizenschaft mit der bisherigen Unterdrückung anerkennen. Dies wird klar und deutlich hervorgehoben werden bei dem kommenden 500-Jahr-Gedenken der Kolonialisierung/Christianisierung der Dritten Welt. Wenn die Kirchen ihre Einbindung in ungerechte Machtstrukturen nicht anerkennen wollen, können sie keine Partner der Unterdrückten, Armen, Marginalisierten und der um Gerechtigkeit kämpfenden Volksbewegungen sein.

Trotzdem erkennen wir an, daß Kirchen für Volksbewegungen "Raum" geschaffen haben auf vielfache Weise, nicht nur in ökumenischen Konferenzen und Netzwerken, sondern vor allem in Situationen von Bedrückung auf Ortsebene. Wenn auch solche Kirchen eine Minderheit sind, machen sie doch klar, daß Partnerschaft möglich und wichtig ist.

Wir erkennen deutlich, daß Kirchen sowohl auf Ortsebene als auch international nicht als ganze Partei ergreifen werden. Wahrscheinlich werden sie weiterhin die Auseinandersetzung in ihren eigenen Reihen führen müssen.

Das Gerechtigkeit-Forum sieht die Bedeutung des Weltkirchenrates (ÖRK) und richtet einen dringenden Ruf an ihn, gerade weil viele Volksbewegungen Raum und Partnerschaft durch verschiedene "Unterabteilungen" und Mitglieder des ÖRK erhielten. Wir Teilnehmer drängen den ÖRK, nicht rückwärts zu gehen in dieser Tradition des Raumgebens, der Unterstützung und Partnerschaft mit Völkern im Kampf und mit Volksbewegungen. Wir kommen in Seoul zusammen und sind uns schmerzlich dessen bewußt, daß die Mächte, die sich gegen Gerechtigkeit und das Volk stellen, noch stärker geworden sind als vorher. Wir hören triumphalistische Proklamationen über den Endsieg des Kapitalismus. Das Scheitern im Osten wird als entscheidende Zurückweisung von jeglichen Versuchen zu Alternativen interpretiert. Wir sind Zeuge von starken und vermehrten Angriffen gegen Länder im Süden, die Unabhängigkeit zu erlangen wagen. Es gibt sogar Versuche, die Völker von Ost und Süd gegeneinander auszuspielen, um den Paternalismus, die Herrschaft der Mächtigen zu erhalten. Viele Kirchen begeben sich in neue Bündnisse im Namen von "Realismus". Selbst Partner finden es schwierig einander treu zu bleiben. Vor diesem Hintergrund errichten wir das Kreuz unserer Hoffnung. Wir erneuern unsere Verpflichtung und unser Engagement für das Ziel, Gerechtigkeit und Macht für das Volk zu erlangen. Wir bekräftigen, daß gerechte Alternativen möglich sind. Dies ist begründet in unserem Glauben an Gottes Verheißung und in unseren Erfahrungen. Volksbewegungen in vielen Ländern halten stand, kommen nach Niederlagen wieder zurück, erheben sich wieder und lernen aus ihren Fehlern. Eine Lektion, die wir vor allem lernen müssen, ist die Solidarität. Wahrhaftige Solidarität hat darin ihren Bestand, daß sie unsere begrenzten Fortschritte verteidigt und die Gewißheit gibt, daß wir vorwärts gehen.

Genug der großen Gesten und der billigen Worte! Diejenigen, die in ihren eigenen Situationen kämpfen, verstehen unsere klare Hoffnung gut.

Wir erinnern uns an die Jünger, die Herz und Mut verloren hatten auf der Straße nach Emmaus. Wir erinnern uns an unsere Märtyrer, die ihr Leben opferten, so daß viele von uns nicht nur überlebten, sondern das Leben in Fülle haben. Wir bringen unsere Geschichten und unser Engagement vor allem unseren Kindern als ein Erbe von Kampf und Hoffnung.

Seoul, den 6. März 1990


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