V. Ordination
Taufe, Eucharistie und Amt
Amt
V. Ordination
A. Die Bedeutung der Ordination
39. Indem sie einige ihrer Glieder im Namen Christi durch die Anrufung des
Geistes und die Handauflegung zum Amt ordiniert (1 Tim 4,14; 2 Tim 1,6), sucht
die Kirche die Sendung der Apostel weiterzuführen und deren Lehre treu
zu bleiben. Der Akt der Ordination durch diejenigen, die für diesen Dienst
ernannt worden sind, bestätigt die Bindung der Kirche an Jesus Christus
und das apostolische Zeugnis und erinnert daran, daß es der auferstandene
Herr ist, der der wahre Ordinator ist und der die Gabe verleiht. Indem sie ordiniert,
sorgt die Kirche unter der Eingebung des Heiligen Geistes für treue Verkündigung
des Evangeliums und schlichten Dienst im Namen Christi. Die Handauflegung ist
das Zeichen der Gabe des Geistes. Sie macht sichtbar, daß das Amt in der
in Christus verwirklichten Offenbarung eingesetzt wurde, und erinnert die Kirche
daran, auf ihn als die Quelle ihrer Beauftragung zu schauen. Diese Ordination
kann jedoch verschiedene Ausrichtungen haben im Blick auf die spezifischen Aufgaben
von Bischöfen, Presbytern und Diakonen, wie dies in den Ordinationsliturgien
angegeben ist.
Kommentar 39:
Es ist deutlich, daß die Kirchen verschiedene
Praktiken der Ordination haben, und es wäre falsch, eine von ihnen als
allein gültig herauszustellen. Wenn die Kirchen andererseits bereit sind,
einander - wie oben beschrieben - im Zeichen der apostolischen Sukzession anzuerkennen,
würde daraus folgen, daß die alte Tradition, nach der es der Bischof
ist, der unter Beteiligung der Gemeinde ordiniert, ebenfalls anerkannt und geachtet
wird.
40. Genaugenommen bezeichnet also die Ordination ein Handeln Gottes und der
Gemeinschaft, durch das die Ordination durch den Geist für ihre Aufgabe
gestärkt und durch die Anerkennung und Gebete der Gemeinde getragen wird.
Kommentar 40:
Die ursprünglichen neutestamentlichen Begriffe
für die Ordination neigen dazu, einfach und beschreibend zu sein. Die Tatsache
der Ernennung wird berichtet. Die Handauflegung wird beschrieben. Man bittet
um den Geist. Verschiedene Traditionen haben unterschiedliche Auslegungen auf
der Grundlage dieses Befundes entwickelt.
Es ist offenkundig, daß ein gewisser Unterschied
besteht zwischen dem unausgesprochenen kulturellen Rahmen des griechischen "cheirotonein"
und dem lateinischen "ordo" oder "ordinare". Die neutestamentliche
Verwendung des ersten Begriffes übernimmt dessen säkulare Grundbedeutung
von "Ernennung" (Apg 14,23; 2 Kor 8,19), die wiederum von der ursprünglichen
Bedeutung des Ausstreckens der Hand entweder bei der Designierung einer Person
oder bei einer Abstimmung hergeleitet ist. Einige Exegeten sehen in "cheirotonein"
einen Hinweis auf den Akt der Handauflegung angesichts der wörtlichen Beschreibung
solcher Handauflegung in anscheinend parallelen Fällen wie Apg 6,6; 8,17;
13,3,; 19,6; 1 Tim 4,14; 2 Tim 1,6. "Ordo" und "ordinare" andererseits
sind Ausdrücke aus dem römischen Recht, wo sie die Vorstellung eines
besonderen Status einer Gruppe vermitteln, die sich vom "plebs" unterscheidet,
wie etwa in dem Ausdruck "ordo clarissimus" für den römischen
Senat. Der Ausgangspunkt jeder Begriffsbildung, die diese Ausdrücke verwendet,
wird das stark beeinflussen, was im daraus sich ergebenden Denken und Handeln
als selbstverständlich angenommen wird.
B. Der Akt der Ordination
41. Eine lange und frühe christliche Tradition stellt die Ordination in
den Zusammenhang des Gottesdienstes und insbesondere der Eucharistie. Durch
diese Einordnung der Ordinationshandlung wird das Verständnis der Ordination
als ein Akt der gesamten Gemeinschaft und nicht eines bestimmten
Standes in ihr oder des einzelnen Ordinierten bewahrt. Der Akt der Ordination
durch Handauflegung der dazu Ernannten ist zugleich Anrufung des Heiligen Geistes
(epiklesis); sakramentales Zeichen; Anerkennung der Gaben und Verpflichtung.
42. a) Ordination ist eine Anrufung Gottes, daß der neue Amtsträger
die Kraft des Heiligen Geistes in der neuen Beziehung empfangen möge, die
hergestellt wird zwischen diesem Amtsträger und der örtlichen christlichen
Gemeinschaft und, der Intention nach, auch zur universalen Kirche. Das Anderssein
der göttlichen Initiative, für die das ordinierte Amt ein Zeichen
ist, wird hier im Akt der Ordination selbst anerkannt. Der Geist weht, wo er
will (vgl. Joh. 3,8): Die Anrufung des Geistes schließt das völlige
Sich-Verlassen auf Gott im Blick auf die Erhörung des Gebetes der Kirche
ein. Das bedeutet, daß der Geist neue Kräfte in Bewegung setzen und
neue Möglichkeiten eröffnen kann, "der überschwenglich mehr
tun kann als alles, was wir bitten oder verstehen" (Eph 3,20).
43. b) Ordination ist ein Zeichen, daß der Herr, der die Gabe des ordinierten
Amtes verleiht, dieses Gebet erhört. Wenngleich die Wirkungen der Epiklese
der Kirche von der Freiheit Gottes abhängen, ordiniert die Kirche im Vertrauen
darauf, daß Gott in Treue zu seiner Verheißung in Christus sakramental
in kontingente, geschichtliche Formen menschlicher Beziehungen eingeht und sie
für seine Zwecke benutzt. Ordination ist ein im Glauben vollzogenes Zeichen,
daß die bezeichnete geistliche Beziehung gegenwärtig ist in, mit
und durch die gesprochenen Worte, vollzogenen Handlungen und benutzten Formen.
44. c) Ordination ist eine Anerkennung der Gaben des Geistes im Ordinierten
durch die Kirche und eine Verpflichtung der Kirche wie des Ordinanden gegenüber
ihrer neuen Beziehung. Indem sie den neuen Amtsträger im Akt der Ordination
annimmt, anerkennt die Gemeinde die Gaben dieses Amtsträgers und verpflichtet
sich ihm gegenüber zur Verantwortlichkeit, für diese Gaben offen zu
sein. Ebenso stellen die Ordinierten ihre Gaben der Kirche zur Verfügung
und verpflichten sich, die Last und Chance der neuen Autorität und Verantwortung
zu tragen. Gleichzeitig treten sie in eine kollegiale Beziehung zu anderen ordinierten
Amtsträgern ein.
C. Bedingungen für die Ordination
45. Menschen werden auf verschiedene Weise zum ordinierten Amt berufen. Es
gibt ein persönliches Wissen um einen Ruf des Herrn, sich dem ordinierten
Amt zu verpflichten. Dieser Ruf kann im persönlichen Gebet und in persönlichen
Überlegungen erkannt werden wie auch durch Anregungen, Vorbild, Ermutigung
und Leitung, die von der Familie, von Freunden, der Gemeinde, von Lehrern sowie
von anderen kirchlichen Autoritäten ausgehen. Dieser Ruf muß bestätigt
werden durch die Anerkennung der - natürlich wie geistlich geschenkten
- Begabungen und Gnadengaben der bestimmten Person durch die Kirche, die zur
Amtsausübung notwendig sind. Gott kann zölibatär lebende wie
verheiratete Menschen für das ordinierte Amt in Dienst nehmen.
46. Ordinierte Personen können hauptamtliche Amtsträger in dem Sinn
sein, daß sie ihr Gehalt von der Kirche beziehen. Die Kirche kann aber
auch Personen ordinieren, die in anderen Berufen oder Anstellungsverhältnissen
bleiben.
47. Kandidaten für das ordinierte Amt benötigen eine angemessene
Vorbereitung durch das Studium der Heiligen Schrift und Theologie, Gebet und
Spiritualität und durch Vertrautheit mit den sozialen und menschlichen
Gegebenheiten in der heutigen Welt. In einigen Fällen kann diese Vorbereitung
eine andere Form als die eines verlängerten akademischen Studiums annehmen.
Die Ausbildungszeit dient dazu, die Berufung des Kandidaten zu prüfen,
zu fördern und zu bestätigen oder ihr Verständnis zu modifizieren.
48. Die ursprüngliche Verpflichtung zum ordinierten Amt sollte gewöhnlich
ohne Vorbehalt und Zeitbegrenzung vorgenommen werden. Eine Beurlaubung von diesem
Dienst ist jedoch nicht unvereinbar mit der Ordination. Eine Wiederaufnahme
des ordinierten Amtes erfordert die Zustimmung der Kirche, aber keine erneute
Ordination. In Anerkennung des gottgegebenen Charismas des Amtes wird die Ordination
für irgendeines der einzelnen ordinierten Ämter niemals wiederholt.
49. Die Anforderungen im Blick auf die Bedingungen für die Ordination
in einer Kirche brauchen nicht als allgemeingültig angesehen und als Grund
dafür genommen zu werden, die Ämter in anderen Kirchen nicht anzuerkennen.
50. Kirchen, die es ablehnen, Kandidaten für das ordinierte Amt in Betracht
zu ziehen aufgrund einer Behinderung oder weil sie z. B. einer bestimmten Rasse
oder soziologischen Gruppe angehören, sollten ihre Praxis neu überdenken.
Diese Überprüfung ist heute besonders wichtig im Blick auf die Vielzahl
der Experimente in neuen Formen des Amtes, mit denen die Kirchen sich an die
moderne Welt wenden.
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