IV. Sukzession in der apostolischen Tradition
A. Apostolische Tradition in der Kirche
34. Im Glaubensbekenntnis bekennt die Kirche, daß sie apostolisch ist.
Die Kirche lebt in Kontinuität mit den Aposteln und ihrer Verkündigung.
Derselbe Herr, der die Apostel aussandte, ist weiterhin in der Kirche gegenwärtig.
Der Geist hält die Kirche in der apostolischen Tradition bis zur Vollendung
der Geschichte im Reich Gottes. Apostolische Tradition in der Kirche bedeutet
Kontinuität in den bleibenden Merkmalen der Kirche der Apostel: Bezeugung
des apostolischen Glaubens, Verkündigung und neue Interpretation des Evangeliums,
Feier der Taufe und der Eucharistie, Weitergabe der Amtsverantwortung, Gemeinschaft
in Gebet, Liebe, Freude und Leiden, Dienst an den Kranken und Bedürftigen,
Einheit unter den Ortskirchen und gemeinsame Teilhabe an den Gaben, die der
Herr jeder geschenkt hat.
Kommentar 34:
Die Apostel sind als Zeugen des Lebens und der Auferstehung
Christi und von ihm ausgesandt die ursprünglichen Überlieferer des
Evangeliums, der Tradition der rettenden Worte und Taten Jesu Christi, die das
Leben der Kirche begründen. Diese apostolische Tradition läuft weiter
durch die Geschichte und verbindet die Kirche mit ihren Ursprüngen in Christus
und im Kollegium der Apostel. Innerhalb dieser apostolischen Tradition besteht
eine apostolische Sukzession des Amtes, die der Kontinuität der Kirche
in ihrem Leben in Christus und ihrer Treue zu den von den Aposteln weitergegebenen
Worten und Taten Jesu dient. Die Amtsträger, die von den Aposteln ernannt
wurden, und dann die `episkopoi' der Kirchen waren die ersten Hüter dieser
Weitergabe der apostolischen Tradition; sie bezeugten die apostolische Sukzession
des Amtes, die durch die Bischöfe der Alten Kirche in kollegialer Gemeinschaft
mit den Presbytern und Diakonen innerhalb der christlichen Gemeinschaft weitergeführt
wurde. Es sollte deshalb ein Unterschied zwischen der apostolischen Tradition
der ganzen Kirche und der Sukzession des apostolischen Amtes gemacht werden.
B. Sukzession des apostolischen Amtes
35. Die vorrangige Manifestation der apostolischen Sukzession findet sich in
der apostolischen Tradition der Kirche als ganzer. Die Sukzession ist ein Ausdruck
der Beständigkeit und daher der Kontinuität von Christi eigener Sendung,
an der die Kirche teilhat. Innerhalb der Kirche hat das ordinierte Amt eine
besondere Aufgabe, den apostolischen Glauben zu bewahren und zu vergegenwärtigen.
Die geordnete Weitergabe des ordinierten Amtes ist daher ein wirksamer Ausdruck
der Kontinuität der Kirche durch die Geschichte; sie betont auch die Berufung
des ordinierten Amtsträgers als Hüter des Glaubens. Wo Kirchen der
Bedeutung der geordneten Weitergabe wenig Bedeutung beimessen, müssen sie
sich selbst fragen, ob sie nicht ihr Verständnis von Kontinuität in
der apostolischen Tradition ändern sollten. Andererseits, wo das ordinierte
Amt der Verkündigung des apostolischen Glaubens nicht angemessen dient,
müssen sich die Kirchen fragen, ob ihre Amtsstrukturen nicht einer Änderung
bedürfen.
36. In den besonderen geschichtlichen Verhältnissen der wachsenden Kirche
in den ersten Jahrhunderten wurde die Sukzession der Bischöfe zusammen
mit der Weitergabe des Evangeliums und dem Leben der Gemeinschaft zu einer der
Formen, in der die apostolische Tradition der Kirche zum Ausdruck kam. Diese
Sukzession wurde als Dienst, Symbol und Schutz der Kontinuität des apostolischen
Glaubens und der apostolischen Gemeinschaft verstanden.
Kommentar 36:
In der Alten Kirche wurde das Band zwischen dem Bischofsamt
und der apostolischen Gemeinschaft in zweifacher Weise verstanden. Clemens von
Rom verband den Auftrag des Bischofs mit der Sendung Christi durch den Vater
und die Aussendung der Apostel durch Christus (Kor 42,44). Dadurch wurde der
Bischof zum Nachfolger der Apostel und sicherte so die Permanenz der apostolischen
Sendung in der Kirche. Clemens ist hauptsächlich an den Mitteln interessiert,
durch die die historische Kontinuität von Christi Präsenz in
der Kirche dank der apostolischen Sukzession gesichert wird. Für Ignatius
von Antiochia (Magn. 6, 1; 3,1-2; Trall. 3, 1) ist es Christus, der von den
Zwölf umgeben ist, der ständig in der Kirche in der Person des von
den Presbytern umgebenen Bischofs gegenwärtig ist. Ignatius betrachtet
die christliche Gemeinschaft, die um den Bischof inmitten der Presbyter und
Diakone versammelt ist, als die gegenwärtige Manifestation der apostolischen
Gemeinschaft im Heiligen Geist. Das Zeichen der apostolischen Sukzession weist
daher nicht nur auf die historische Kontinuität hin; es manifestiert auch
eine gegenwärtige geistliche Wirklichkeit.
37. Kirchen, die die Sukzession durch das Bischofsamt praktizieren, erkennen
zunehmend an, daß eine Kontinuität im apostolischen Glauben, Gottesdienst
und in der Sendung bewahrt ist in Kirchen, die nicht die Form des historischen
Bischofsamtes beibehalten haben. Diese Anerkennung findet zusätzliche Unterstützung
in der Tatsache, daß die Wirklichkeit und die Funktionen des Bischofsamtes
in vielen dieser Kirchen mit dem oder ohne den Titel "Bischof" bewahrt
worden sind. Die Ordination z. B. wird in ihnen immer von Personen vollzogen,
in denen die Kirche die Autorität der Weitergabe des Amtsauftrages anerkennt.
38. Diese Überlegungen mindern aber nicht die Bedeutung des Bischofsamtes.
Im Gegenteil, sie ermöglichen Kirchen ohne Bischofsamt, die bischöfliche
Sukzession als ein Zeichen, jedoch nicht als eine Garantie der Kontinuität
und Einheit der Kirche zu schätzen. Heute erklären sich Kirchen einschließlich
solcher, die an Unionsverhandlungen beteiligt sind, bereit, die bischöfliche
Sukzession als ein Zeichen der Apostolizität des Lebens der ganzen Kirche
zu akzeptieren. Gleichzeitig können sie jedoch keinem Vorschlag zustimmen,
der darauf hinausläuft, daß das Amt, das in ihrer eigenen
Tradition ausgeübt wird, nicht gültig sein sollte bis zu dem Augenblick,
wo es in eine bestehende Linie der bischöflichen Sukzession eintritt. Ihre
Annahme der bischöflichen Sukzession wird die Einheit der ganzen Kirche
am besten fördern, wenn sie Teil eines umfassenderen Prozesses ist, durch
den auch die bischöflichen Kirchen selbst ihre verlorene Einheit wiedergewinnen.
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