III. Formen des ordinierten Amtes
A. Bischöfe, Presbyter und Diakone
19. Das Neue Testament beschreibt nicht eine einheitliche Amtsstruktur, die
als Modell oder bleibende Norm für jedes zukünftige Amt in der Kirche
dienen könnte. Im Neuen Testament findet sich vielmehr eine Vielfalt von
Formen, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten bestanden haben.
Indem der Heilige Geist weiterhin die Kirche in Leben, Gottesdienst und Sendung
leitete, wurden bestimmte Elemente aus dieser frühen Vielfalt weiter entwickelt
und bildeten schließlich eine mehr universale Struktur des Amtes. Im 2.
und 3. Jahrhundert bildete sich das dreifache Amt von Bischof, Presbyter und
Diakon als Struktur für das ordinierte Amt in der ganzen Kirche heraus.
In den folgenden Jahrhunderten hat das Amt des Bischofs, Presbyters und Diakons
in seiner praktischen Ausübung beträchtliche Veränderungen durchgemacht.
In manchen Krisenzeiten der Geschichte der Kirche waren die bleibenden Funktionen
des Amtes an manchen Orten und in manchen Gemeinschaften gemäß anderen
Strukturen als der der vorherrschenden dreiteiligen Struktur verteilt. Manchmal
wurde auf das Neue Testament zur Rechtfertigung dieser anderen Strukturen verwiesen.
In anderen Fällen wurde die Auffassung vertreten, daß es in der Kompetenz
der Kirche liege, das Amt nach den veränderten Umständen zu strukturieren.
20. Es ist wichtig, sich der Änderungen bewußt zu sein, die das
dreifache Amt in der Geschichte der Kirche erfahren hat. Die frühesten
Zeugnisse, in denen das dreifache Amt Erwähnung findet, beziehen sich auf
die örtliche eucharistische Gemeinschaft. Der Bischof war der Leiter der
Gemeinde. Er wurde ordiniert und eingesetzt, um das Wort zu verkünden und
die Feier der Eucharistie zu leiten. Er wurde von einem Kollegium von Presbytern
und Diakonen umgeben, die ihn in seinen Aufgaben unterstützten. In diesem
Kontext war das Amt des Bischofs ein Zentrum der Einheit innerhalb der gesamten
Gemeinschaft.
21. Die Funktionen wurden jedoch schon bald verändert. Die Bischöfe
begannen immer mehr, gleichzeitig die Aufsicht (episkopé) über mehrere
Ortsgemeinden wahrzunehmen. In der ersten Generation hatten Apostel episkopé
im weiteren Bereich der Kirche ausgeübt. Später wird von Timotheus
und Titus berichtet, daß sie die Funktion der episkopé in
einem bestimmten Gebiet ausgeübt haben. Noch später wird diese apostolische
Aufgabe auf neue Art und Weise von den Bischöfen ausgeübt. Sie bilden
einen Bezugspunkt für die Einheit im Leben und Zeugnis innerhalb von Gebieten,
die mehrere eucharistische Gemeinschaften umfassen. Folglich werden Presbytern
und Diakonen neue Rollen zugewiesen. Die Presbyter werden zu Leitern der örtlichen
eucharistischen Gemeinschaft, und als Assistenten der Bischöfe erhalten
die Diakone Aufgaben in einem größeren Gebiet.
Kommentar 21:
Die Urkirche kannte den nicht ortsgebundenen Dienst
solcher Missionare wie Paulus und den lokalen Dienst der Leitung an Orten, wo
das Evangelium angenommen wurde. Auf der Ortsebene scheinen die organisatorischen
Formen je nach den Umständen variiert zu haben. Die Apostelgeschichte erwähnt
für Jerusalem die Zwölf und die Sieben und später Jakobus und
die Ältesten; und für Antiochia Propheten und Lehrer (Apg 6,1-6; 15,13-22;
13,1). Die Briefe an die Korinther sprechen von Aposteln, Propheten und Lehrern
(1 Kor 12,28); so auch der Römerbrief, der auch von Helfern oder Mitarbeitern
spricht (Röm 16, 1). In Philippi wurden die säkularen Begriffe "episkopoi"
und "diakonoi" gemeinsam verwendet für christliche Amtsträger (Phil
1, 1). Verschiedene dieser Ämter werden sowohl Männern wie Frauen
zugeschrieben. Während einige durch Handauflegung ernannt wurden, findet
sich kein Hinweis auf dieses Verfahren in anderen Fällen. Wie immer sie
genannt worden sein mögen, Aufgabe dieser Ämter war, das Wort Gottes
zu verkündigen, den ursprünglichen Inhalt des Evangeliums weiterzugeben
und zu bewahren, den Glauben, die Disziplin und den Dienst der christlichen
Gemeinden zu nähren und zu stärken und die Einheit in und zwischen
ihnen zu schützen und zu fördern. Dies sind die ständigen Pflichten
des Amtes durch die Entwicklungen und Krisen der christlichen Geschichte hindurch
gewesen.
22. Obwohl es keine einheitliche neutestamentliche Struktur gibt, obwohl der
Geist die Kirche oftmals dazu gebracht hat, ihre Ämter den kontextuellen
Bedürfnissen anzugleichen und obwohl andere Formen des ordinierten Amtes
mit den Gaben des Heiligen Geistes gesegnet worden sind, könnte dennoch
das dreifache Amt des Bischofs, Presbyters und Diakons heute als ein Ausdruck
der Einheit, die wir suchen, und auch als ein Mittel, diese zu erreichen, dienen.
Geschichtlich ist es zutreffend zu sagen, daß das dreifache Amt zur allgemein
akzeptierten Struktur in der Kirche der frühen Jahrhunderte wurde und heute
von vielen Kirchen weiter beibehalten wird. In Erfüllung ihrer Sendung
und ihres Dienstes brauchen die Kirchen Personen, die in verschiedener Weise
die Aufgaben des ordinierten Amtes zum Ausdruck bringen und ausführen in
seinen diakonischen, presbyteralen und episkopalen Aspekten und Funktionen.
23. Die Kirche als der Leib Christi und das eschatologische Gottesvolk wird
vom Heiligen Geist durch eine Vielfalt von Gaben oder Diensten strukturiert
und auferbaut. Unter diesen Gaben ist ein Dienst der "episkopé"
notwendig, um die Einheit des Leibes zum Ausdruck zu bringen und zu bewahren.
Jede Kirche braucht diesen Dienst der Einheit in irgendeiner Form, um Kirche
Gottes zu sein, der eine Leib Christi, ein Zeichen der Einheit aller im Gottesreich.
24. Die dreigliedrige Amtsstruktur bedarf offenkundig einer Reform. In einigen
Kirchen ist die kollegiale Dimension der Leitung in der eucharistischen Gemeinschaft
sehr zurückgetreten. In anderen ist die Funktion der Diakone auf die Rolle
eines Assistenten bei der Feier der Liturgie reduziert worden; sie erfüllen
keine Funktion mehr im Blick auf das diakonische Zeugnis der Kirche. Ganz allgemein
ist die Beziehung des Presbyterats zum Bischofsamt Jahrhunderte hindurch diskutiert
worden, und das Maß der Teilhabe des Presbyters am Bischofsamt ist für
viele noch immer eine ungelöste Frage von weitreichender ökumenischer
Bedeutung. In einigen Fällen haben Kirchen, die nicht formell die dreigliedrige
Struktur beibehalten haben, einige von deren ursprünglichen Intentionen
bewahrt.
25. Aus der dreigliedrigen Struktur ergeben sich somit für alle Kirchen
Fragen. Kirchen, die diese Struktur bewahrt haben, werden fragen müssen,
wie deren Potential für ein möglichst wirksames Zeugnis der Kirche
in dieser Welt voll entfaltet werden kann. An dieser Aufgabe sollten Kirchen
teilhaben, die nicht die dreigliedrige Struktur besitzen. Diese werden sich
darüber hinaus fragen müssen, ob die dreigliedrige Struktur, wie sie
sich entwickelt hat, nicht einen gewichtigen Anspruch darauf erheben kann, auch
von ihnen übernommen zu werden.
B. Leitlinien zur Ausübung des ordinierten Amtes in der Kirche
26. Drei Überlegungen sind in dieser Hinsicht wichtig. Das ordinierte
Amt sollte in einer persönlichen, kollegialen und gemeinschaftlichen Weise
ausgeübt werden. Persönlich dadurch, daß auf die Präsenz
Jesu Christi unter seinem Volk am wirksamsten durch eine Person hingewiesen
werden kann, die ordiniert worden ist, um das Evangelium zu verkündigen,
und die Gemeinschaft dazu ruft, dem Herrn in Einheit von Leben und Zeugnis zu
dienen. Kollegial, denn es bedarf eines Kollegiums von ordinierten Amtsträgern,
die an der gemeinsamen Aufgabe teilhaben, die Anliegen der Gemeinde zu vertreten.
Schließlich muß das enge Verhältnis zwischen dem ordinierten
Amt und der Gemeinschaft Ausdruck finden in einer gemeinschaftlichen
Dimension, in der die Ausübung des ordinierten Amtes im Leben der Gemeinschaft
verwurzelt sein muß und die wirksame Teilnahme der Gemeinschaft an der
Erkenntnis von Gottes Willen und der Leitung des Geistes fordert.
Kommentar 26:
Diese drei Aspekte müssen zusammengehalten werden.
In verschiedenen Kirchen wurde der eine oder andere auf Kosten der anderen überbetont.
In manchen Kirchen ist die Tendenz erkennbar, daß die persönliche
Dimension des ordinierten Amtes die kollegiale und gemeindliche Dimension zurückdrängt.
In anderen Kirchen hat die kollegiale oder gemeinschaftliche Dimension so viel
Bedeutung gewonnen, daß das ordinierte Amt seine persönliche Dimension
verliert. Jede Kirche muß sich selbst die Frage stellen, wie ihre Ausübung
des ordinierten Amtes im Laufe der Geschichte Schaden genommen hat.
Eine Anerkennung dieser drei Dimensionen liegt hinter
einer Empfehlung, die auf der Ersten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung
in Lausanne (1927) ausgesprochen wurde: "In Anbetracht der Stellung, welche
die Bischöfe, die Kollegien der Presbyter und die Gemeinde der Gläubigen,
alle in ihrem Teil, in der Verfassung der Alten Kirche gehabt haben; in Anbetracht
der Tatsache ferner, daß jede der drei Verfassungsformen, die bischöfliche,
presbyterische und die kongregationale, heutzutage wie seit Jahrhunderten, bei
großen Gemeinschaften innerhalb der Christenheit Annahme gefunden haben,
und schließlich in Anbetracht dessen, daß jede der drei Verfassungsformen,
die bischöfliche, presbyterische und die kongregationale, von ihren jeweiligen
Anhängern als notwendig für die richtige Verfassung der Kirche betrachtet
wird, sprechen wir es als unsere Überzeugung aus, daß alle diese
verschiedenen Elemente unter Bedingungen, die im einzelnen noch geklärt
werden müssen, ihren angemessenen Platz in der Lebensordnung einer wieder
geeinter Kirche haben müssen . . . "
27. Das ordinierte Amt muß verfassungsmäßig oder kirchenrechtlich
geordnet und in der Kirche so ausgeübt werden, daß jede dieser drei
Dimensionen angemessenen Ausdruck finden kann. Auf der Ebene der örtlichen
eucharistischen Gemeinschaft bedarf es eines ordinierten Amtsträgers, der
innerhalb eines kollegialen Gremiums wirkt. Nachhaltige Betonung sollte auf
die aktive Teilnahme aller Glieder am Leben und Entscheidungsprozeß der
Gemeinschaft gelegt werden. Auf der regionalen Ebene bedarf es wiederum eines
ordinierten Amtsträgers, der einen Dienst der Einheit ausübt. Die
kollegialen und gemeinschaftlichen Dimensionen werden in regelmäßigen
repräsentativen synodalen Zusammenkünften Ausdruck finden.
C. Funktionen der Bischöfe, Presbyter und Diakone
28. Was kann über die Funktionen und sogar Titel von Bischöfen, Presbytern
und Diakonen gesagt werden? Eine einheitliche Antwort auf diese Frage ist nicht
erforderlich für die gegenseitige Anerkennung des ordinierten Amtes. Die
folgenden Überlegungen über die Funktionen werden deshalb in einer
vorläufigen Weise angeboten.
29. Bischöfe predigen das Wort, stehen der Feier der Sakramente
vor und üben Kirchenzucht aus in einer solchen Weise, daß sie repräsentative
pastorale Amtsträger der Aufsicht, Kontinuität und Einheit in der
Kirche sind. Sie haben pastorale Aufsicht über den Bereich, zu dem sie
berufen sind. Sie dienen der Apostolizität und Einheit der Lehre, des Gottesdienstes
und des sakramentalen Lebens der Kirche. Sie tragen Verantwortung für die
Leitung in der Sendung der Kirche. Sie bringen die christliche Gemeinschaft
in ihrem Gebiet in Verbindung mit dem weiteren Bereich der Kirche und die universale
Kirche mit ihrer Gemeinschaft. Gemeinsam mit den Presbytern, Diakonen und der
ganzen Gemeinschaft sind sie verantwortlich für die geordnete Weitergabe
der Amtsautorität in der Kirche.
30. Presbyter dienen als pastorale Amtsträger des Wortes und der
Sakramente in einer örtlichen eucharistischen Gemeinschaft. Sie
sind Prediger und Lehrer des Glaubens, üben Seelsorge aus und tragen Verantwortung
für die geistliche Ordnung der Gemeinde, damit die Welt glaube und alle
Glieder der Kirche erneuert, gestärkt und für den Dienst zugerüstet
werden mögen. Presbyter tragen besondere Verantwortung für die Vorbereitung
der Glieder auf christliches Leben und christlichen Dienst.
31. Diakone stellen der Kirche ihre Berufung als Diener in der Welt
vor Augen. Indem sie sich in Christi Namen für die unzähligen Bedürfnisse
der Gesellschaften und Personen einsetzen, verdeutlichen die Diakone die wechselseitige
Abhängigkeit von Gottesdienst und Dienst im Leben der Kirche. Sie üben
Verantwortung im Gottesdienst der Gemeinde aus: z. B. indem sie die Schrift
lesen, predigen und die Gemeinde im Gebet leiten. Sie helfen bei der Unterweisung
der Gemeinde. Sie üben einen Dienst der Liebe innerhalb der Gemeinschaft
aus. Sie erfüllen gewisse Verwaltungsaufgaben und können gewählt
werden für Verantwortungsbereiche der Leitung.
Kommentar 31:
In vielen Kirchen besteht heute beträchtliche
Unsicherheit hinsichtlich der Notwendigkeit, Begründung, des Status und
der Funktionen von Diakonen. Inwiefern kann der Diakonat als Teil des ordinierten
Amtes betrachtet werden? Was unterscheidet ihn von anderen Diensten in der Kirche
(Katecheten, Kirchenmusiker, usw.)? Warum sollten Diakone ordiniert werden,
während diese anderen Dienste keine Ordination erhalten? Wenn sie ordiniert
werden, erhalten sie die Ordination im vollen Sinne des Wortes oder ist ihre
Ordination nur der erste Schritt auf dem Weg zur Ordination als Presbyter? In
vielen Kirchen besteht heute eine starke Tendenz, den Diakonat als ein ordiniertes
Amt mit seiner eigenen Würde wiederherzustellen, der ein Leben lang ausgeübt
werden soll. Indem sich die Kirchen einander annähern, könnten in
diesem Amt Dienste vereinigt werden, die gegenwärtig in einer Vielfalt
von Formen und unter verschiedenen Namen bestehen. Unterschiede in der Gestaltung
des Diakonenamtes sollten nicht als Hindernis für die gegenseitige Anerkennung
der ordinierten Ämter angesehen werden.
D. Vielfalt der Charismen
32. Die Gemeinschaft, die in der Kraft des Heiligen Geistes lebt, wird durch
eine Vielfalt von Charismen gekennzeichnet. Der Geist ist der Geber unterschiedlicher
Gaben, die das Leben der Gemeinschaft bereichern. Um ihre Wirksamkeit zu fördern,
wird die Gemeinschaft manche dieser Charismen öffentlich anerkennen. Während
einige von ihnen ständigen Bedürfnissen im Leben der Gemeinschaft
dienen, werden andere nur vorübergehender Natur sein. Männer und Frauen
in religiösen Ordensgemeinschaften leisten einen Dienst, der für das
Leben der Kirche von besonderer Bedeutung ist. Das ordinierte Amt, das selbst
ein Charisma ist, darf nicht zu einem Hindernis für die Vielfalt
dieser Charismen werden. Im Gegenteil, es wird der Gemeinschaft helfen, die
Gaben zu entdecken, die ihr vom Heiligen Geist verliehen sind, und wird die
Glieder des Leibes Christi ausrüsten, auf vielfältige Weise zu dienen.
33. In der Geschichte der Kirche gab es Zeiten, in denen die Wahrheit des Evangeliums
nur durch prophetische und charismatische Führer bewahrt werden konnte.
Neue Impulse finden oft nur auf ungewöhnlichen Wegen Eingang in das Leben
der Kirche. Gelegentlich erfordern Reformen ein besonderes Amt. Die ordinierten
Amtsträger und die ganze Gemeinschaft werden auf die Herausforderung solcher
besonderen Ämter achten müssen.
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