II. Die Kirche und das ordinierte Amt
7. Unterschiede in der Terminologie sind ein Teil der Amtsdiskussion.
Um in den Gesprächen über das ordinierte Amt in der Kirche Mißverständnisse
zu vermeiden, muß klar beschrieben werden, wie die verschiedenen
Begriffe in den folgenden Abschnitten gebraucht werden.
- Das Wort Charisma bezeichnet die Gaben, die
der Heilige Geist jedem Glied des Leibes Christi verleiht, um die Gemeinschaft
aufzuerbauen und ihre Berufung zu erfüllen.
- Das Wort Dienst (ministry) im weitesten Sinne
bezeichnet den Dienst, zu dem das ganze Volk Gottes berufen ist, sei es als
einzelne, als örtliche Gemeinschaft oder als universale Kirche. "Dienst"
oder "Dienste" können auch die besonderen institutionalisierten Formen
bezeichnen, die dieser Dienst annehmen kann.
- Der Ausdruck Ordiniertes Amt (ordained ministry)
bezieht sich auf Personen, die ein Charisma empfangen haben und die die Kirche
zum Dienst ernennt durch die Ordination, durch Anrufung des Geistes und Handauflegung.
- Viele Kirchen benutzen das Wort Priester, um
damit bestimmte ordinierte Pfarrer zu bezeichnen. Da dieser Sprachgebrauch nicht
allgemein ist, wird sich das Dokument in Abschnitt 17 mit den inhaltlichen Fragen
befassen.
A. Das ordinierte Amt
8. Um ihre Sendung zu erfüllen, braucht die Kirche Personen, die öffentlich
und ständig dafür verantwortlich sind, auf ihre fundamentale Abhängigkeit
von Jesus Christus hinzuweisen, und die dadurch innerhalb der vielfältigen
Gaben einen Bezugspunkt ihrer Einheit darstellen. Das Amt solcher Personen,
die seit sehr früher Zeit ordiniert wurden, ist konstitutiv für das
Leben und Zeugnis der Kirche.
9. Die Kirche war niemals ohne Personen, die spezifische Autorität und
Verantwortung innehatten. Christus wählte die Jünger und sandte sie
aus, um das Reich Gottes zu bezeugen (Mt 10,1-8). Den Zwölf wurde verheißen,
daß sie "auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels
richten" (Lk 22,30). Eine besondere Rolle wird den Zwölf innerhalb der
Gemeinden der ersten Generation zugeschrieben. Sie sind Zeugen des Lebens und
der Auferstehung des Herrn (Apg 1,21-26), sie leiten die Gemeinde in Gebet,
Lehre, beim Brotbrechen, in Verkündigung und Dienst (Apg 2, 42-47; 6,2-6
usw.). Die Existenz der Zwölf und anderer Apostel zeigt als solche schon,
daß es bereits von Anfang an in der Gemeinschaft unterschiedliche Rollen
gab.
Kommentar 9:
Im Neuen Testament wird der Begriff Apostel unterschiedlich gebraucht. Er wird für die Zwölf benutzt, aber
auch für einen weiteren Kreis von Jüngern. Er wird auf Paulus und
auf andere angewandt, wenn sie von dem auferstandenen Christus ausgesandt werden,
das Evangelium zu verkünden. Die Rolle der Apostel umfaßt sowohl
Grundlegung als auch Sendung.
10. Jesus berief die Zwölf zu Repräsentanten des erneuerten Israel.
In diesem Moment vertreten sie das ganze Volk Gottes und üben gleichzeitig
eine besondere Rolle inmitten dieser Gemeinschaft aus. Nach der Auferstehung
sind sie unter den Leitern der Gemeinschaft. Man kann sagen, daß die Apostel
sowohl die Kirche als Ganze als auch die Personen in ihr, die mit spezifischer
Autorität und Verantwortung betraut sind, vorweg abbilden. Die Rolle der
Apostel als Zeugen für die Auferstehung Christi ist einzigartig und unwiederholbar.
Daher besteht ein Unterschied zwischen den Aposteln und den ordinierten Amtsträgern,
deren Ämter auf denen der Apostel gründen.
11. So wie Christus die Apostel auserwählt und ausgesandt hat, so fährt
Christus durch den Heiligen Geist fort, Personen für das ordinierte Amt
auszuwählen und zu berufen. Als Herolde und Botschafter sind die ordinierten
Amtsträger Repräsentanten Jesu Christi gegenüber der Gemeinschaft
und verkünden seine Botschaft der Versöhnung. Als Leiter und Lehrer
fordern sie die Gemeinschaft auf, sich der Autorität Jesu Christi, des
Lehrers und Propheten, in dem das Gesetz und die Propheten erfüllt worden
sind, zu unterstellen. Als Hirten unter Jesus Christus, dem obersten Hirten,
sammeln und leiten sie das zerstreute Volk Gottes in Antizipierung des kommenden
Gottesreiches.
Kommentar 11:
Die grundlegende Realität eines ordinierten Amtes
bestand von Anfang an (vgl. Abschn. 8). Die tatsächlichen Formen der Ordination
und des ordinierten Amtes haben sich jedoch in komplexen geschichtlichen Entwicklungen
herausgebildet (vgl. Abschn. 19). Die Kirchen sollten es daher vermeiden, ihre
spezifischen Formen des ordinierten Amtes direkt auf den Willen und die Einsetzung
durch Jesus Christus selbst zurückzuführen.
12. Alle Glieder der Gemeinschaft der Glaubenden, Ordinierte wie Laien, sind
aufeinander bezogen. Einerseits bedarf die Gemeinde der ordinierten Amtsträger.
Deren Präsenz erinnert die Gemeinschaft an die göttliche Initiative
und an die Abhängigkeit der Kirche von Jesus Christus, der die Quelle ihrer
Sendung und die Grundlage ihrer Einheit ist. Sie dienen, um die Gemeinschaft
in Christus aufzuerbauen und ihr Zeugnis zu stärken. Die Kirche möchte,
daß sie ein Beispiel an Heiligkeit und liebevoller Anteilnahme geben.
Andererseits kann das ordinierte Amt nicht abgesehen von der Gemeinschaft existieren.
Die ordinierten Amtsträger können ihre Berufung nur in der und für
die Gemeinschaft erfüllen. Sie bedürfen der Anerkennung, Unterstützung
und Ermutigung durch die Gemeinschaft.
13. Die hauptsächliche Verantwortung des ordinierten Amtes besteht darin,
den Leib Christi zu sammeln und aufzuerbauen durch die Verkündigung und
Unterweisung des Wortes Gottes, durch die Feier der Sakramente und durch die
Leitung des Lebens der Gemeinschaft in ihrem Gottesdienst, in ihrer Sendung
und in ihrem fürsorgenden Dienst.
Kommentar 13:
Diese Aufgaben werden nicht ausschließlich durch
das ordinierte Amt ausgeübt. Da das ordinierte Amt und die Gemeinschaft
eng aufeinander bezogen sind, haben alle Glieder an der Erfüllung dieser
Funktionen teil. In der Tat dient jedes Charisma dazu, den Leib Christi zu
sammeln und aufzuerbauen. Jedes Glied des Leibes kann an der Verkündigung
und Unterweisung des Wortes Gottes teilhaben, kann zum sakramentalen Leben dieses
Leibes beitragen. Das ordinierte Amt erfüllt diese Funktionen in repräsentativer
Weise, indem es der Bezugspunkt für die Einheit des Lebens und des Zeugnisses
der Gemeinschaft ist.
14. Besonders in der eucharistischen Feier ist das ordinierte Amt der sichtbare
Bezugspunkt der tiefen und allumfassenden Gemeinschaft zwischen Christus und
den Gliedern seines Leibes. In der Feier der Eucharistie sammelt, lehrt und
erhält Christus die Kirche. Es ist Christus, der zum Mahl einlädt
und ihm vorsteht. In den meisten Kirchen wird diese Leitung durch einen ordinierten
Amtsträger bezeichnet und repräsentiert.
Kommentar 14:
Das Neue Testament sagt sehr wenig über die Ordnung
der Eucharistie. Es gibt keine expliziten Belege für die Leitung der Eucharistie.
Schon bald ist deutlich, daß ein ordinierter Amtsträger die Feier
leitet. Wenn das ordinierte Amt einen Bezugspunkt für die Einheit des Lebens
und Zeugnisses der Kirche darstellen soll, ist es angemessen, daß einem
ordinierten Amtsträger diese Aufgabe übertragen werden sollte. Sie
ist unmittelbar verbunden mit der Aufgabe, die Gemeinschaft zu leiten, d. h.
über ihr Leben zu wachen (episkopé) und ihre Wachsamkeit im Blick
auf die Wahrheit der apostolischen Botschaft und das Kommen des Gottesreiches
zu stärken.
B. Ordiniertes Amt und Autorität
15. Die Autorität des ordinierten Amtsträgers ist begründet
in Jesus Christus, der sie vom Vater (Mt 28,18) empfangen hat und der sie durch
den Heiligen Geist im Akt der Ordination verleiht. Dieser Akt findet innerhalb
einer Gemeinschaft statt, die eine bestimmte Person öffentlich anerkennt.
Weil Jesus kam, "um zu dienen" (Mk 10,45; Lk 22,27) bedeutet ausgesondert
werden, zum Dienst geweiht zu werden. Da Ordination vor allem eine Aussonderung
mit Gebet um die Gabe des Heiligen Geistes ist, ist die Autorität des ordinierten
Amtes nicht als Besitz des Ordinierten zu verstehen, sondern als eine Gabe für
die fortdauernde Erbauung des Leibes, in dem und für den der Amtsträger
ordiniert worden ist. Autorität hat den Charakter der Verantwortung vor
Gott und wird in Zusammenarbeit mit der ganzen Gemeinschaft ausgeübt.
16. Daher dürfen ordinierte Amtsträger weder Autokraten noch unpersönliche
Funktionäre sein. Obwohl sie auf der Grundlage des Wortes Gottes zu einsichtsvoller
und fürsorgender Leitung berufen sind, sind sie an die Gläubigen in
wechselseitiger Abhängigkeit und Zusammenarbeit gebunden. Nur wenn sie
Antwort und Anerkennung der Gemeinschaft suchen, kann ihre Autorität vor
Entstellungen durch Isolation und Herrschaft geschützt werden. Sie manifestieren
und üben die Autorität Christi in der Weise aus, in der Christus selbst
die Autorität Gottes der Welt offenbarte: indem sie ihr Leben der Gemeinschaft
völlig widmen. Die Autorität Christi ist einzigartig. "Er lehrte
sie mit Vollmacht (exousía) und nicht so wie ihre Schriftgelehrten" (Mt
7,29). Diese Autorität ist eine Autorität, die von der Liebe für
"die Schafe, die keinen Hirten haben" (Mt 9,36), geleitet wird. Sie wird
durch sein Leben des Dienens und entscheidend durch seinen Tod und seine Auferstehung
bestätigt. Autorität in der Kirche kann nur authentisch sein, wenn
sie diesem Modell zu entsprechen sucht.
Kommentar 16:
Zwei Gefahren müssen hier vermieden werden. Autorität
kann nicht ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft ausgeübt werden. Die
Apostel achteten auf die Erfahrung und das Urteil der Gläubigen. Andererseits
darf die Autorität der ordinierten Amtsträger nicht so eingeschränkt
werden, daß diese von der allgemeinen Meinung der Gemeinschaft abhängig
werden. Ihre Autorität liegt in ihrer Verantwortung, den Willen Gottes
in der Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen.
C. Ordiniertes Amt und Priestertum
17. Jesus Christus ist der einzigartige Priester des Neuen Bundes. Christi
Leben wurde als Opfer für uns alle gegeben. Im abgeleiteten Sinne kann
die Kirche als Ganze als eine Priesterschaft beschrieben werden. Alle Glieder
sind berufen, ihr ganzes Sein "als ein lebendiges Opfer" darzubringen und
für die Kirche und das Heil der Welt zu beten. Die ordinierten Amtsträger
stehen wie alle Christen sowohl zum Priestertum Christi als auch zum Priestertum
der Kirche in Beziehung. Aber sie können zu Recht Priester genannt werden,
weil sie einen besonderen priesterlichen Dienst erfüllen, indem sie das
königliche und prophetische Priestertum der Gläubigen durch Wort und
Sakramente, durch ihre Fürbitte und durch ihre seelsorgerliche Leitung
der Gemeinschaft stärken und auferbauen.
Kommentar 17:
Das Neue Testament verwendet niemals die Ausdrücke
"Priestertum" oder "Priester" (hiereus), um das ordinierte Amt oder
den ordinierten Amtsträger zu bezeichnen. Im Neuen Testament bleibt dieser
Ausdruck einerseits dem einzigartigen Priestertum Jesu Christi vorbehalten und
andererseits dem königlichen und prophetischen Priestertum aller Getauften.
Das Priestertum Christi und das Priestertum der Getauften haben jeweils die
Funktion des Opfers und der Fürbitte. Wie Christus sich selbst geopfert
hat, so bringen Christen ihr ganzes Sein "als ein lebendiges Opfer" dar.
Wie Christus fürbittend vor dem Vater eintritt, so treten Christen fürbittend
für die Kirche und das Heil der Welt ein. Dennoch dürfen die Unterschiede
zwischen diesen beiden Arten des Priestertums nicht übersehen werden. Während
Christus sich selbst als einzigartiges Opfer ein für allemal für das
Heil der Welt hingab, müssen die Glaubenden ständig das als eine Gabe
Gottes empfangen, was Christus für sie getan hat.
In der Alten Kirche wurden die Ausdrücke "Priestertum"
und "Priester" allmählich dazu benutzt, das ordinierte Amt und den
Amtsträger als Leiter der Eucharistie zu bezeichnen. Sie unterstreichen
die Tatsache, daß das ordinierte Amt auf die priesterliche Realität
Jesu Christi und der ganzen Gemeinschaft bezogen ist. Wenn man diese Begriffe
in Verbindung mit dem ordinierten Amt verwendet, unterscheidet sich ihre Bedeutung
in entsprechender Weise vom Opferpriestertum des Alten Testamentes, vom einzigartigen
erlösenden Priestertum Christi und vom korporativen Priestertum des Volkes
Gottes. Paulus konnte von seinem Dienst sagen: " . . . um wie ein Priester
den Dienst am Evangelium Gottes zu versehen, damit die Heiden ein Opfer werden,
das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den heiligen Geist" (Röm
15,16).
D. Das Amt von Männern und Frauen in der Kirche
18. Wo Christus gegenwärtig ist, sind menschliche Schranken durchbrochen.
Die Kirche ist berufen, der Welt das Bild einer neuen Menschheit zu vermitteln.
In Christus ist nicht Mann noch Frau (Gal 3,28). Frauen wie Männer müssen
ihren Beitrag zum Dienst Christi in der Kirche entdecken. Die Kirche muß
den Dienst erkennen, der von Frauen verwirklicht werden kann, ebenso wie den,
der von Männern geleistet werden kann. Ein tiefergehendes Verständnis
des umfassenden Charakters des Dienstes, das die gegenseitige Abhängigkeit
von Männern und Frauen widerspiegelt, muß noch breiter im Leben der
Kirche zum Ausdruck kommen. Obwohl die Kirchen sich in dieser Notwendigkeit
einig sind, ziehen sie daraus unterschiedliche Folgerungen bezüglich der
Zulassung von Frauen zum ordinierten Amt. Eine zunehmende Zahl von Kirchen hat
entschieden, daß weder biblische noch theologische Gründe gegen die
Ordination von Frauen sprechen, und viele von ihnen haben inzwischen Frauen
ordiniert. Viele Kirchen sind jedoch der Meinung, daß die Tradition der
Kirche in dieser Hinsicht nicht geändert werden darf.
Kommentar 18:
Diejenigen Kirchen, die Frauen ordinieren, tun dies
aus ihrem Verständnis des Evangeliums und des Amtes heraus. Es beruht für
sie auf der tiefen theologischen Überzeugung, daß es dem ordinierten
Amt der Kirche an Fülle mangelt, wenn es auf ein Geschlecht beschränkt
ist. Diese theologische Überzeugung wurde verstärkt durch ihre Erfahrung
in den Jahren, in denen sie Frauen in ihr ordiniertes Amt einbezogen haben.
Sie haben erfahren, daß die Gaben der Frauen so breit gestreut und vielseitig
sind wie die der Männer und daß ihr Amt vom Heiligen Geist in ebenso
vollem Maße gesegnet ist wie das Amt der Männer. Keine Kirche hat
Anlaß gehabt, ihre Entscheidung zu überprüfen.
Diejenigen Kirchen, die Frauen nicht ordinieren, meinen,
daß die Macht einer 1900jährigen Tradition, die gegen die Ordination
der Frauen spricht, nicht ausgeklammert werden darf. Sie glauben, daß
eine solche Tradition nicht als Mangel an Respekt für die Beteiligung der
Frauen in der Kirche abgetan werden kann. Sie glauben auch, daß es theologische
Gesichtspunkte gibt im Blick auf die Natur des Menschseins und der Christologie,
die ihren Überzeugungen und ihrem Verständnis für die Rolle der
Frauen in der Kirche am Herzen liegen.
Die Diskussion dieser praktischen und theologischen
Fragen sollte in den verschiedenen Kirchen und christlichen Traditionen durch
gemeinsame Studien und Überlegungen in der ökumenischen Gemeinschaft
aller Kirchen ergänzt werden.
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