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Selbstverständnis


Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der Kirchen

Kapitel 3:

Das Selbstverständnis des Ökumenischen Rates der Kirchen

3.1Jede Diskussion über das Selbstverständnis des ÖRK mußbei der in der Verfassung enthaltenen Basis des ÖRK ansetzen, auf der der Rat gründet und mit der sich alle Mitgliedskirchen einverstanden erklären.

Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäßder Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Zwei Aspekte dieser Erklärung sind für die Formulierung eines erneuerten Verständnisses vom ÖRK von zentraler Bedeutung: (1) die Bezeichnung des Rates als "Gemeinschaft von Kirchen" und (2) die Betonung der "gemeinsamen Berufung", die die Kirchen im und durch den Rat zu erfüllen suchen.

Eine Gemeinschaft von Kirchen
3.2Die Beschreibung des ÖRK als eine "Gemeinschaft von Kirchen" macht deutlich, daßder Rat als solcher keine Kirche ist und niemals eine "Über-Kirche" werden darf - wie es in der Toronto-Erklärung kategorisch heißt. Hinzu kommt, daßdie Kirchen innerhalb dieser Gemeinschaft aufgrund ihres unterschiedlichen Kirchenverständnisses auch die Bedeutung dieser Gemeinschaft unterschiedlich verstehen. Diese Vielfalt war auf der Ersten Vollversammlung des ÖRK 1948 in Amsterdam wie auch auf der Tagung in Toronto 1950 sichtbar, auf der die vollständigste Erklärung zum Selbstverständnis des Rates verfaßt wurde. Sie besteht auch nach fünfzig Jahren, und infolge des Zusammenlebens sind weitere Auffassungen hinzugekommen. Dennoch kann gesagt werden, daßder Gebrauch des Begriffs "Gemeinschaft" in der Basis des ÖRK nahelegt, daßder Rat mehr ist als ein rein funktioneller Zusammenschlußvon Kirchen mit dem Ziel, Aktivitäten in Bereichen von gemeinsamem Interesse zu organisieren.

3.3"Gemeinschaft" wird zwar machmal benutzt, um das griechische Wort koinonia zu übersetzen, das ein Schlüsselwort in den neueren ökumenischen Diskussionen über die Kirche und ihre Einheit ist; doch sind die Beziehungen unter den Kirchen im ÖRK noch nicht eine koinonia im vollen Sinne (wie sie z.B. in der Erklärung der Vollversammlung von Canberra über "Die Einheit der Kirche als Koinonia: Gabe und Berufung" beschrieben wird). In der Verfassung des ÖRK (Artikel 3) wird der Rat aber dargestellt als eine Gemeinschaft von Kirchen auf dem Weg zu "dem Ziel der sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, und [bestrebt ist] auf diese Einheit zuzugehen, damit die Welt glaube". In dem Maße, wie die Mitgliedskirchen die eine Taufe und das Bekenntnis zu Jesus Christus als Herrn und Heiland gemeinsam haben, kann man sogar (mit den Worten des Zweiten Vatikanum, Dekret über den Ökumenismus) sagen, daßzwischen ihnen schon jetzt eine "gewisse, wenn auch nicht vollkommene Gemeinschaft" besteht.

3.4Die Existenz des Ökumenischen Rates der Kirchen als eine Gemeinschaft von Kirchen stellt die Mitgliedskirchen daher vor eine "ekklesiologische Herausforderung" (wie das Ökumenische Patriarchat es formuliert hat): nämlich die Bedeutung und die Tragweite der Gemeinschaft, die sie im Rat erfahren, wie auch die ekklesiologische Bedeutung der koinonia zu klären, die Ziel und Zweck des ÖRK, aber noch nicht Wirklichkeit ist.

3.5Die folgenden Aussagen könnten zu einer solchen Klärung beitragen:

  • 3.5.1Die gegenseitige Verpflichtung, die die Kirchen im ÖRK füreinander eingehen, gründet auf der Erkenntnis, daßsie dank Gottes Handeln in Jesus Christus, das jeder ihrer Entscheidungen vorausgeht, miteinander verbunden sind. Darum hießes in der Botschaft der Amsterdamer Vollversammlung: "Christus hat uns zu seinem Eigentum gemacht, und in ihm ist keine Zertrennung."
  • 3.5.2Das Wesen des Rates besteht in den wechselseitigen Beziehungen der Kirchen untereinander. Der Rat ist die Gemeinschaft von Kirchen, die auf dem Weg zur vollen koinonia sind. Er hat eine Struktur und Organisationsform, damit er den Kirchen, die auf eine koinonia im Glauben, Leben und Zeugnis hinarbeiten, als Instrument dienen kann; der ÖRK darf aber nicht mit dieser Struktur identifiziert werden, und ebensowenig vermag er den Kirchen wirkungsvoll zu dienen, wenn diese nicht immer wieder selbst ihre eigene ökumenische Vision und Verpflichtung erneuern.
  • 3.5.3Diese Gemeinschaft im Rat ist nicht abstrakt oder statisch, noch beschränkt sie sich auf offizielle Kontakte zwischen institutionalisierten kirchlichen Einrichtungen und deren Verantwortlichen oder Repräsentanten. Sie ist vielmehr eine dynamische, durch wechselseitige Beziehungen geprägte Wirklichkeit, die sich auf das ganze Leben der Kirchen als Verkörperungen des Gottesvolkes erstreckt. Sie ist kein Selbstzweck, sondern existiert, um als Zeichen und Werkzeug von Gottes Mission und Handeln in der Welt zu dienen. Der ÖRK kann daher als eine missionarische, diakonische und ethische Gemeinschaft von Kirchen beschrieben werden.
  • 3.5.4Die Mitgliedschaft im Rat zwingt die Kirchen zwar nicht zu einem bestimmten Verständnis der Formulierung "Gemeinschaft von Kirchen", verpflichtet sie aber zum Gespräch darüber. Der ÖRK bietet einen Raum, in dem die Kirchen erforschen können, was es heißt, in Gemeinschaft miteinander auf dem Weg zu größerer Einheit in Christus zu sein. Darüber hinaus hat der ÖRK die Aufgabe, die Kirchen aufzurufen, über sich hinaus zu gehen und so die Einheit umfassendender sichtbar zu machen.
  • 3.5.5Die Kirchen in der Gemeinschaft des ÖRK erkennen an, daßdie anderen Mitglieder Christus angehören, daßdie Mitgliedschaft in der Kirche Christi umfassender ist als die Mitgliedschaft in ihrer eigenen Kirche und daßdie anderen Kirchen zumindest "Elemente der wahren Kirche" besitzen (Toronto). So wird jede Mitgliedskirche als gleichwertig Teilhabende am Leben des ÖRK angesehen, denn was jede Mitgliedskirche in die Gemeinschaft einbringt, hat nichts mit ihrer Größe und ihren Ressourcen zu tun, sondern ergibt sich daraus, daßsie in Christus ist.

  • 3.5.6Durch ihr Engagement füreinander im Rat sind die Kirchen bereit, sich voneinander zu einer tieferen, teureren ökumenischen Verpflichtung auffordern zu lassen. Diese Bereitschaft zur gegenseitigen Rechenschaft nimmt viele Formen an: sie wissen sich miteinander solidarisch, stehen einander in der Not bei, enthalten sich solcher Handlungen, die zu ihren brüderlichen und schwesterlichen Beziehungen im Widerspruch stehen würden, treten in ein geistliches Verhältnis miteinander ein, um voneinander zu lernen, und bemühen sich im Gespräch miteinander darum, "von dem Herrn Jesus Christus zu lernen, wie sie Seinen Namen vor der Welt bezeugen sollen" (Toronto).

3.6Zwar ist die Mitgliedschaft im ÖRK keineswegs die einzige Möglichkeit, die sich den Kirchen bietet, ökumenisch auf internationaler Ebene zusammenzuarbeiten, sie bedeutet aber, daßeine Kirche sich damit bereit erklärt, sich in einer sichtbaren, dauerhaften und organisierten Weise mit den Zielen der ökumenischen Bewegung und dem Streben nach tieferer Gemeinschaft zu identifizieren. Daher erschöpft sich die Mitgliedschaft nicht in einem einmaligen Beitritt, der es den Kirchen sodann erlaubt, problemlos mit der fortbestehenden Geteiltheit zu leben.

3.7Ebenso, wie sich das Verständnis der Gemeinschaft im Rat durch das Zusammenleben der Kirchen erweitert hat, hat sich auch das Verständnis dessen vergrößert, was eine Mitgliedschaft in diesem Gremium bedeutet.

  • 3.7.1Mitglied zu sein bedeutet, daßdie Fähigkeit gefördert wird, gemeinsam mit Kirchen unterschiedlicher Herkunft und Tradition in Gemeinschaft zu beten, zu leben, zu handeln und zu wachsen - zuweilen durch Ringen und Konflikt. Es setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, Meinungsverschiedenheiten auf dem Weg des theologischen Gesprächs, des Gebets und des Dialogs beizulegen und umstrittene Fragen als eine Sache der gemeinsamen theologischen Beurteilung und nicht des politischen Sieges anzusehen.
  • 3.7.2Mitglied zu sein bedeutet, einander zu helfen, dem Evangelium treu zu sein, und einander in Frage zu stellen, wenn ein Mitglied sich offensichtlich von den Glaubensgrundlagen oder der Evangeliumstreue entfernt. Die Integrität der Gemeinschaft wird dadurch bewahrt, daßdie Kirchen sich im Geist des gemeinsamen Glaubens an das Evangelium füreinander verantwortlich fühlen und nicht, indem sie einander richten und ausschließen.
  • 3.7.3Mitglied zu sein bedeutet, an Aufgaben mitzuwirken, die über die Grenzen und Möglichkeiten einer einzelnen Kirche hinausgehen, und bereit zu sein, den eigenen spezifischen lokalen Kontext mit der globalen Wirklichkeit zu verbinden und es dieser globalen Wirklichkeit zu gestatten, Einflußauf die lokale Situation zu nehmen.
  • 3.7.4Mitglied zu sein bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die ihre eigene Stimme hat. Zwar steht es den Kirchen frei, sich mit dem, was der ÖRK sagt, zu identifizieren oder nicht zu identifizieren. Sie sind aber verpflichtet, sich ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was der Rat im Namen der Gemeinschaft als ganzer sagt oder tut.
  • 3.7.5Mitglied zu sein bedeutet, eine Verpflichtung einzugehen, die Vereinbarungen, die durch die gemeinsame theologische Studienarbeit und Reflexion der ganzen Gemeinschaft erzielt werden, im Leben und Zeugnis der eigenen Kirche zu verwirklichen.
  • 3.7.6Mitglied zu sein bedeutet, an einer Gemeinschaft des Teilens und der Solidarität teilzuhaben, anderen Mitgliedern in ihren Nöten und Konflikten beizustehen und mit ihnen ihre Freude und Hoffnung zu feiern.
  • 3.7.7Mitglied zu sein bedeutet, die Sendung der Kirche als eine gemeinsame Verantwortung zu verstehen, die mit anderen geteilt wird, und nicht, isoliert voneinander missionarisch oder evangelistisch tätig zu werden, und noch weniger, in Konkurrenz zu anderen christlichen Gläubigen zu treten oder Proselytismus unter ihnen zu betreiben.
  • 3.7.8Mitglied zu sein bedeutet, mit anderen Kirchen in eine Gemeinschaft des Gottesdienstes und Gebets einzutreten und konkrete Gelegenheiten zu gemeinsamem Gottesdienst und Gebet zu suchen, wobei die den einzelnen Traditionen gesetzten Grenzen respektiert werden.
  • 3.7.9Mitglied zu sein bedeutet, sich uneingeschränkt am Leben und an der Arbeit des Rates zu beteiligen und dabei auch für den Rat und alle seine Mitgliedskirchen zu beten, auf Vollversammlungen vertreten zu sein, die Arbeit des Rates entsprechend der eigenen Möglichkeiten durch regelmäßige Finanzbeiträge zu unterstützen und die Anliegen des ÖRK den Ortskirchen, Gemeinden und Gottesdienstgemeinschaften zu vermitteln.

Eine gemeinsame Berufung
3.8Durch den Ökumenischen Rat der Kirchen trachten die Kirchen danach, "gemeinsam zu erfüllen, wozu sie berufen sind". Dieser Satz, der der Basis auf Beschlußder Vollversammlung in Neu-Delhi 1961 hinzugefügt wurde, verdeutlichte das dynamische Verständnis des Rates als einer Gemeinschaft von Pilgern, die sich gemeinsam auf dasselbe Ziel zubewegen - ein Verständnis, das bereits in der ursprünglichen Verfassung (1938) ausgedrückt wurde, in der es hieß: "Der Ökumenische Rat soll die Möglichkeit gegenseitiger Beratung und Gelegenheit für ein gemeinsames Vorgehen in Fragen gemeinsamer Interessen schaffen" (Artikel IV).

3.9Unter vielfältigen geschichtlichen Umständen und auf viele verschiedene Weisen haben die Mitgliedskirchen versucht, diese "gemeinsame Berufung" in den vergangenen fünfzig Jahren zu verwirklichen. Ihr Zeugnis ist weder vollkommen noch konsequent gewesen. Sie haben nicht immer gemeinsam gehandelt, wenn sie dies hätten tun können. Und doch haben sie durch Gottes Gnade die Kraft aufgebracht, Zeichen des Gehorsams und der Evangeliumstreue zu setzen, indem sie

  • 3.9.1zerbrechliche Kommunikationslinks aufgebaut und aufrechterhalten haben, wenn sie sich auf entgegengesetzten Seiten der durch - kalte und heiße - Kriege entstandenen Grenzen befanden;
  • 3.9.2im Namen Christi Millionen von Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ihre Dienste angeboten und dazu beigetragen haben, gewaltsam zerschlagene Gesellschaften wieder aufzubauen; und sie haben dadurch neue Formen des Miteinanderteilens kennengelernt;
  • 3.9.3einander dazu herausgefordert haben, historische Fesseln der Abhängigkeit und Bevormundung abzustreifen, und neue Formen der Partnerschaft aufgebaut haben;
  • 3.9.4dort gemeinsam Zeugnis von Jesus Christus abgelegt haben, wo eine einzelne Stimme nicht gehört oder nicht ernst genommen worden wäre;
  • 3.9.5anderen Gehör geschenkt haben und bereit gewesen sind, aus deren Einsichten in zentralen Fragen der Lehr- und Lebensauffassung, über die sie uneins sind, zu lernen, und dabei unbeirrt an der Hoffnung festgehalten haben, daßdereinst die Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft sichtbar werden wird;
  • 3.9.6an vielen Orten, an denen die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, seelsorgerliche Hilfe angeboten und zusammen mit anderen auf internationalen Foren die Rechte der Unterdrückten und an den Rand Gedrängten verteidigt haben;
  • 3.9.7im Gebet und durch Ermutigung Solidarität mit Kirchen zum Ausdruck gebracht haben, die Verfolgung erleiden und die sich in Krisensituationen bemühen, Gottes Willen zu erkennen;
  • 3.9.8sich nicht haben abbringen lassen von ihrem Urteil, daßjede Form von Rassismus, auch in ihrem eigenen Leben, unvereinbar ist mit dem Wort und Willen Gottes;
  • 3.9.9sich solidarisch mit den Frauen gezeigt und Strukturen in Frage gestellt haben, die Sexismus fördern, und indem sie für Gerechtigkeit für Frauen und für deren uneingeschränkte Mitwirkung in Kirche und Welt eingetreten sind;
  • 3.9.10versucht haben, ihre eigenen Gemeinden und die Organe ihrer Gemeinschaft inklusiver zu machen für Frauen, junge Menschen, Behinderte und alle anderen Personengruppen, die von Ausgrenzung bedroht sind;
  • 3.9.11gemeinsam Fürbitte geleistet und Gott gelobt haben und dabei die Worte und Musik der anderen geteilt haben, und indem sie begonnen haben, die Schrift mit den Augen der anderen zu lesen.

3.10Die Elemente dieser gemeinsamen Berufung sind in der Beschreibung der "Funktionen und Ziele" zusammengefaßt worden, die jetzt in Artikel 3 der ÖRK-Verfassung enthalten sind. Die gegenwärtige Formulierung ist von der Vollversammlung 1975 in Nairobi angenommen worden:

  • die Kirchen aufzurufen zu dem Ziel der sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, und auf diese Einheit zuzugehen, damit die Welt glaube;
  • das gemeinsame Zeugnis der Kirchen an jedem Ort und überall zu erleichtern;
  • die Kirchen in ihrer weltweiten missionarischen und evangelistischen Aufgabe zu unterstützen;
  • der gemeinsamen Aufgabe der Kirchen im Dienst am Menschen in Not Ausdruck zu verleihen, die die Menschen trennenden Schranken niederzureißen und das Zusammenleben aller Menschen in Gerechtigkeit und Frieden zu fördern;
  • zur Erneuerung der Kirche in Einheit, Gottesdienst, Mission und Dienst zu ermutigen.
  • Beziehungen zu nationalen Kirchenkonferenzen, konfessionellen Weltbünden und anderen ökumenischen Organisationen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten;
  • die Arbeit der internationalen Bewegungen für Glauben und Kirchenverfassung und für Praktisches Christentum sowie des Internationalen Missionsrates und des Weltrates für Christliche Erziehung weiterzuführen.

3.11Eine solche Aufzählung kann die zentralen Aufgaben lediglich allgemein beschreiben. Erst durch die dauerhafte Gemeinschaft der Kirchen im ÖRK nehmen diese "Funktionen und Ziele" in spezifischen Aktivitäten Gestalt an. Im Laufe dieses Prozesses haben neue Herausforderungen an Leben und Sendung der Kirche neue Dimensionen der ökumenischen Berufung hervortreten lassen. Es ist daher wichtig, daßdie Mitgliedskirchen von Zeit zu Zeit die Elemente ihrer gemeinsamen Berufung neu benennen, indem sie über die dynamische Natur der Gemeinschaft im ÖRK nachdenken und diese Reflexion zum Anlaßzu nehmen, sich dem Ökumene-Gedanken von neuem zu verpflichten. Der 50. Jahrestag der Gründung des ÖRK sowie der Anbruch eines neuen Jahrhunderts und eines neuen Jahrtausends lassen die Achte Vollversammlung als einen hierfür besonders geeigneten Augenblick erscheinen.

3.12Eine Formulierung der Ziele und Funktionen des Rates anläßlich seines 50jährigen Bestehens mußsowohl Kontinuität mit der Vergangenheit wahren als auch die neuen Herausforderungen der heutigen Zeit ansprechen. Eine solche Formulierung sollte:

  • 3.12.1die wesensmäßige Identität des ÖRK als eine Gemeinschaft von Kirchen anerkennen, die einander aufrufen zu dem Ziel der sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben findet, sowie durch Zeugnis und Dienst an der Welt;
  • 3.12.2die wichtigsten Aufgabenbereiche aufzählen, in denen die Kirchen durch den Rat dieses oberste Ziel verwirklichen;
  • 3.12.3deutlich machen, daßder Rat als eine Gemeinschaft von Kirchen eine Organisation ist, deren Mitglieder in ihr zusammenarbeiten, und nicht ein Gremium, das unabhängig von den Kirchen tätig wird;
  • 3.12.4Aspekte der ökumenischen Berufung anerkennen, die in jüngster Zeit stärker in den Vordergrund gerückt sind, darunter Anliegen im Zusammenhang mit der Bewahrung der Schöpfung, Beziehungen zu Menschen anderen Glaubens sowie die Förderung von Bildungs- und Lernprozessen, die Christen anregen, ökumenisch zu denken und zu handeln;
  • 3.12.5hervorheben, daßder Rat die Aufgabe hat, die ökumenische Bewegung zu stärken, nicht nur durch offizielle Beziehungen auf institutioneller Ebene, sondern auch durch die Unterstützung anderer ökumenischer Initiativen, die Schaffung von Netzwerken unter ökumenischen Organisationen und Gruppen, die Herstellung von Kontakten zu allen Kirchen, die die ökumenische Vision teilen sowie durch sein Wirken für den Zusammenhalt der vielen verschiedenen Ausdrucksformen der ökumenischen Bewegung.

Der Rat als eine Organisation
3.13Als eine Gemeinschaft von Kirchen und als Instrument zur Stärkung der ökumenischen Bewegung hat der Ökumenische Rat der Kirchen ein institutionelles Profil. Dieses Profil setzt sich aus vielen Komponenten zusammen; dazu gehören die Arbeit des Rates, die Veranstaltungen, die er organisiert, die Erklärungen, die er abgibt, die verschiedenen Images, die er von sich vermittelt. Allerdings darf der ÖRK als Institution nicht durch Institutionalismus gelähmt werden, denn seine Berufung zum Dienst an den Kirchen und der ökumenischen Bewegung erfordert einen lebendigen Organismus, der auf neue Herausforderungen, wie sie die sich ändernden Zeiten mit sich bringen, sowie auf neue ökumenische Partner eingehen und sich dem wachsenden Verständnis der ökumenischen Berufung anpassen kann.

3.14Strukturen sind das Mittel, mit dem der Rat versucht, zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben seiner Wirklichkeit als Gemeinschaft von Kirchen wirkungsvoll Ausdruck zu verleihen. Sie bilden die grundlegende Gestalt des Rates, den Rahmen für bestimmte Arbeitsaufteilungen. Veränderungen innerhalb dieses Rahmens bedeuten nicht, daßdie Erkenntnisse der Vergangenheit ersetzt werden oder deren Wert verleugnet wird, sie spiegeln vielmehr einen kontinuierlichen Dialog über Verständnisse und Vorstellungen wider.

3.15Die Strukturen zur Leitung des Rates sind in der Verfassung festgelegt. Sie bilden die institutionelle Grundgestalt des Rates. Diese Leitungsstrukturen sind Mechanismen, die sicherstellen sollen, daßsich die Aktivitäten, die im Rahmen der internen Organisationsstruktur des Rates unternommen werden, im Einklang mit den Vorstellungen, Bedürfnissen und Anliegen seiner Mitgliedskirchen und der ökumenischen Partner befinden. So, wie sie aufgebaut sind und funktionieren, sollen sie:

  • 3.15.1maximale Repräsentation, Partizipation und Transparenz bei der Bestimmung der programmatischen Ausrichtung und bei der Entscheidungsfindung sicherstellen und verhindern, daßsich Macht und Verantwortung in einer kleinen Gruppe konzentriert;
  • 3.15.2der Reflexion und Beratung über die zentralen Anliegen, denen sich die Kirchen heute gegenübersehen, Priorität einräumen vor organisatorischen und programmatischen Entscheidungen;
  • 3.15.3für Ablauf und Verfahrensweisen sorgen, bei denen die Stimmen aller gehört werden können und die nicht diejenigen privilegieren, denen es aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, Sprache, Ausbildung oder Erfahrung leichter fällt, das Wort zu ergreifen;
  • 3.15.4stets um Kohärenz und Koordinierung der Aktivitäten des ÖRK und deren theologischer Grundlage bemüht sein anstatt als Forum für die Vertretung bestimmter Interessen und Anliegen zu dienen, die nicht miteinander verbunden sind (und dadurch dazu beizutragen, daß"Fragen der Einheit der Kirche" und "Fragen der Gerechtigkeit", "Ekklesiologie" und "Ethik", "pastorale Aufgaben" und "prophetische Aufgaben", "Mission" und "Dialog", "Beziehungen" und "Programme" weiterhin als Gegensatzpaare angesehen werden);
  • 3.15.5die Entscheidungs- und Leitungsinstanzen in den Mitgliedskirchen anregen und veranlassen, die Anliegen der Gemeinschaft von Kirchen aufzugreifen und in ihren lokalen Kontexten ökumenisch zu handeln, anstatt weiter den Eindruck zu vermitteln, als seien der ÖRK und die ökumenische Bewegung losgelöst von und außerhalb der Kirchen;
  • 3.15.6die Herstellung und Vertiefung von Beziehungen mit Kirchen ermöglichen, die für die ökumenische Gemeinschaft offen sind, eine Mitgliedschaft im Rat jedoch gegenwärtig als ekklesiologisch nicht möglich oder zuträglich erachten;
  • 3.15.7daher einen Vorgeschmack der vollen koinonia sichtbar machen, die die Kirchen durch die ökumenische Bewegung anstreben.

3.16Die interne Organisationsstruktur des ÖRK, die in seiner Satzung, in den Statuten und in den Satzungen der Programmeinheiten und Spezialeinheiten sowie durch die Beschlüsse der Leitungsgremien festgelegt wird, dient der effizienten Organisation der täglichen Arbeit des Mitarbeiterstabes, durch die die Beschlüsse und Programmrichtlinien der Leitungsorgane ausgeführt werden. Die Organisationsstruktur sollte:

  • 3.16.1die Identität des ÖRK als eine Gemeinschaft von Kirchen zum Ausdruck bringen, die auf einer trinitarischen theologischen Grundlage in dieser Körperschaft zusammengefunden haben. Dies bedeutet, daßsich die Arbeit des Rates einerseits integriert auf die Gesamtbreite der gemeinsamen Berufung zur Einheit bezieht und daßandererseits deutlich wird, wie alle seine Tätigkeiten auf der Hoffnung gründen, daßGottes Plan, wie er in Jesus Christus offenbart und durch die Kraft des Heiligen Geistes in der Welt vergegenwärtigt wird, nicht scheitern wird;
  • 3.16.2darauf ausgerichtet sein, die Gemeinschaft unter den Mitgliedskirchen zu fördern, und nicht auf den Aufbau oder die Erhaltung einer Organisation zu deren Selbstzweck;
  • 3.16.3der Vielfalt der in seinen Mitgliedskirchen vertretenen Kulturen und theologischen und geistlichen Traditionen gerecht werden und die Verpflichtung des ÖRK zu einer wahrhaft inklusiven Gemeinschaft sichtbar machen;
  • 3.16.4der Tatsache Rechnung tragen, daßdie einzigartige Identität und Erfahrung des Rates als einer Gemeinschaft, die gleichzeitig weltweit und Kirchen aller christlichen Traditionen gegenüber offen ist, ihn in die Lage versetzt, ganz bestimmte Elemente der ökumenischen Berufung wahrzunehmen; er kann

    • im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Kohärenz der einen ökumenischen Bewegung als Impulsgeber und Koordinator dienen;
    • als Vermittler zwischen Konfliktparteien oder als Fürsprecher für Gruppen dienen, die nicht für sich selber sprechen können;
    • aus der ganzen Breite der Erfahrungen seiner Mitgliedskirchen schöpfen und ein Nährboden für Ideen sowie eine Informationsquelle für Untersuchungen sein und den Kirchen somit helfen, gemeinsam ihr ökumenisches Bewußtsein zu erweitern und zu neuen Auffassungen von der Wirklichkeit zu gelangen;
    • die enge Verknüpfung von Lokalem und Globalem sichtbar machen, indem er anerkennt, daßlokale Fragen oft globale Konsequenzen haben und daßglobale Probleme häufig auf lokaler Ebene verschärft zum Ausdruck kommen;
    • aus seiner globalen Perspektive heraus ein prophetisches Wort zu den brennenden Problemen unserer Zeit sprechen;

  • 3.16.5in Partnerschaft mit Gruppen von Mitgliedskirchen und anderen ökumenischen Organisationen sicherstellen, daßdie Verantwortung für ökumenische Aktivitäten so nah wie möglich an den Ort der Ausführung gelegt wird.
  • 3.16.6den Rat befähigen, seine Arbeit und seinen Arbeitsstil ständig anzupassen, um den sich rasch ändernden Verhältnissen in der Welt und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kirchen in gezielter, wirkungsvoller und ökonomisch tragbarer Weise gerecht zu werden;
  • 3.16.7für die regelmäßige Planung, Überprüfung und Auswertung aller Aktivitäten sorgen.

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