ökumenische BewegungAuf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der KirchenKapitel 2:
Die ökumenische Bewegung2.1Es ist unmöglich, vom Ökumenischen Rat der Kirchen zu sprechen, ohne gleichzeitig die ökumenische Bewegung zu erwähnen, aus der er hervorgegangen ist und zu der er als weithin sichtbarer Teil gehört. Zwar ist die ökumenische Bewegung umfassender als ihre organisatorische Ausdrucksform, und der Rat ist im wesentlichen die Gemeinschaft seiner Mitgliedskirchen, doch dient er der ökumenischen Bewegung gleichzeitig als ein herausragendes Instrument und als Ausdrucksform. In dieser Eigenschaft setzt er sich nachdrücklich für den Erneuerungsimpuls ein, der die Bewegung seit ihren Anfängen charakterisiert hat.
Die Bedeutung des Begriffs "ökumenisch" 2.3Die vielleicht bekannteste Definition ist die vom Zentralausschußdes ÖRK 1951 auf seiner Tagung in Rolle ausgearbeitete Fassung.
Es ist wichtig darauf hinzuweisen, daßdas Wort [ökumenisch], das aus dem griechischen Wort für die ganze bewohnte Erde [oikumene] abgeleitet ist, dann richtig gebraucht wird, wenn es all das bezeichnet, was mit der ganzen Aufgabe der ganzen Kirche zu tun hat, nämlich: das Evangelium der ganzen Welt zu verkündigen.Dieser Satz war der Versuch, die früheren Definitionen zu erweitern im Sinn der Verknüpfung der Suche nach der Einheit der Kirche mit der Zusammenarbeit in Mission und Evangelisation. 2.4Neuere Beschreibungen des Ziels der ökumenischen Bewegung haben sich bemüht, der Überzeugung gerecht zu werden, daßsich der Versöhnungswille Gottes nicht nur auf die Kirche, sondern auf die ganze Menschheit, ja, die ganze Schöpfung bezieht. Die Vollversammlung des ÖRK in Vancouver (1983) sprach daher von einer "eucharistischen Vision", die
unsere beiden tiefsten ökumenischen Anliegen verbindet: Einheit und Erneuerung der Kirche sowie das Heilen und die Bestimmung der menschlichen Gemeinschaft. Die Einheit der Kirche ist von fundamentaler Bedeutung für das Wohlergehen der Kirche und für die Zukunft der menschlichen Familie... Christus – das Leben der Welt – eint Himmel und Erde, Gott und Welt, Geistliches und Weltliches. Sein Leib und Blut, die uns in den Elementen Brot und Wein gegeben werden, vereinigen Liturgie und Diakonie, Verkündigung und heilendes Amt... So schließt unsere eucharistische Vision die ganze Wirklichkeit des christlichen Gottesdienstes, Lebens und Zeugnisses ein.Die Vollversammlung in Canberra (1991) sprach ergänzend davon, daß"wir dringend ein anspornendes Bild von einem sichtbar versöhnten Leben (brauchen), in dem ein absolutes Engagement für die Einheit und Erneuerung der Kirche und ein uneingeschränktes Engagement für die Versöhnung von Gottes Welt zusammengehalten werden... Wir müssen für die Vision einer bewohnten Erde (oikumene) eintreten, die auf Wertvorstellungen beruht, welche das Leben aller achten." Die Erklärungen beider Vollversammlungen gehen allerdings nicht wesentlich über die Aussage hinaus, daßdie verschiedenen Dimensionen zusammengehalten werden müssen. 2.5Innerhalb der ökumenischen Bewegung hat sich der ÖRK bemüht, die Vision in Johannes 17,21 ("daßsie alle eins seien ..., damit die Welt glaube") mit jener in Epheser 1,9-10 (Gottes "Ratschluß... wenn die Zeit erfüllt wäre, daßalles zusammengefaßt würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist") zu verbinden. Das Bemühen, die beiden biblischen Visionen miteinander zu verbinden, sieht sich jedoch in Frage gestellt durch ein kontinuierliches Spannungsverhältnis und bisweilen sogar Unvereinbarkeit zwischen denen, die sich für die soziale Dimension der Ökumene stark machen, und denen, die die geistliche und kirchliche Dimension der Ökumene in den Vordergrund stellen. 2.6In jüngerer Zeit wurde eine wachsende Zahl von Stimmen vor allem in den Kirchen in Asien, aber auch in Lateinamerika laut, die von der Notwendigkeit einer "erweiterten Ökumene" oder "Makro-Ökumene" sprechen – ein Verständnis, bei dem sich die ökumenische Bewegung anderen religiösen und kulturellen Traditionen über die christliche Gemeinschaft hinaus öffnen würde. 2.7Durch diese Unklarheiten im Verständnis dessen, was "ökumenisch" ist, besteht die Gefahr, daßman sich um die wahre Bedeutung streitet und es zu Spaltungen in der ökumenischen Bewegung kommt. Was ist Sinn und Zweck dieser Bewegung? Wer sind ihre Adressaten? Welches sind ihre Ziele und ihre Handlungsweisen oder Arbeitsstile? Aus welcher Quelle fließt die Dynamik, die uns befugt, von der "ökumenischen Bewegung" über ihre institutionellen Ausdrucksformen im ÖRK und anderswo hinaus zu sprechen?
Grundlegende Unterscheidungen und Erkennungsmerkmale
2.9Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen transnationalen und zunehmend auch weltweiten Strukturen in Kommunikation, Finanz und Wirtschaft haben eine besondere Art von globaler Einheit geschaffen. Es hat sich gezeigt, daßder Preis dafür die zunehmende Zersplitterung von Gesellschaften ist und die Ausgrenzung immer weiterer Teil der menschlichen Familie. In ihren eigenen internationalen Beziehungen geraten die Kirchen unter Druck, sich diesem System anzupassen und dessen Werte zu übernehmen, die in den meisten Fällen die geistliche Dimension des menschlichen Lebens außer acht lassen, wenn nicht sogar verleugnen. Diese Entwicklung ist daher eine ernsthafte Gefahr für die Integrität der ökumenischen Bewegung, deren Organisationsformen ein deutlich anderes Beziehungsmodell darstellen, das auf Solidarität und Miteinanderteilen, gegenseitige Rechenschaft und Hilfe zur Selbstbestimmung aufbaut. Auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert müssen alle bestehenden ökumenischen Strukturen eine Selbstüberprüfung vornehmen und damit auf die Herausforderung reagieren, eine Form und Qualität globaler Gemeinschaft sichtbar zu machen, die von Inklusivität und Versöhnung geprägt ist. 2.10Eine wichtige Aussage in der Frühphase der Zusammenarbeit der römisch-katholischen Kirche mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen war, daßbeide an "ein und derselben ökumenischen Bewegung" teilhaben. Diese Einheit der ökumenischen Bewegung impliziert nicht, daßdie vielen verschiedenen Ausdrucksformen der Bewegung nur eine einzige Struktur oder ein einziges Zentrum hätten. Auch soll damit nicht ein normatives Verständnis eingeführt werden, das exklusiv werden und damit der eigentlichen Bedeutung von ökumenisch im Sinne von "Ganzheit" widersprechen würde. Die Einheit der ökumenischen Bewegung bezieht sich grundsätzlich auf ihre Ausrichtung auf eine "gemeinsame Berufung". Dies wird letztlich durch die Kraft des Heiligen Geistes bewirkt, der in und durch die vielfältigen Manifestationen der Bewegung am Werk ist. 2.11Der Ökumenische Rat der Kirchen teilt mit vielen anderen Partnern, ob es sich um Institutionen handelt oder nicht, das Vermächtnis dieser einen ökumenischen Bewegung sowie die Verantwortung, sie lebendig zu erhalten. Als die umfassendste und repräsentativste Körperschaft unter den vielen verfaßten Ausdrucksformen der ökumenischen Bewegung hat der Ökumenische Rat die besondere Aufgabe, sich der weltweiten ökumenischen Anliegen anzunehmen und als Sachwalter des inneren Zusammenhangs der Bewegung zu dienen. |
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