Richtlinien für das Teilen
Richtlinien für das Teilen
Aus der überströmenden Fülle seiner Liebe heraus hat Gott die
Welt erschaffen und hat sie der ganzen Menschheit anvertraut mit dem Auftrag,
als seine Haushalter mit ihr umzugehen und ihre Güter miteinander zu teilen.
Als Anfänger der göttlichen Gabe des Lebens sind wir aufgerufen, die
Welt mit Gottes Augen anzusehen und sie durch unsere Beweise der Liebe, des
Miteinanderteilens und einer verantwortlichen Haushalterschaft zum Segen für
alle werden zu lassen.
Unsere Sündhaftigkeit und Eigensucht aber haben uns dazu verleitet, Gottes Gaben zu mißbrauchen. Wir haben es zugelassen, daß zur Befriedigung der Interessen einiger weniger das Leben vieler beraubt worden ist. So sind ungerechte Strukturen entstanden, die die Mehrheit der Weltbevölkerung in dauerhafte Abhängigkeit und Armut gestürzt haben. Dies steht im Gegensatz zu Gottes Heilsplan.
Inmitten dieser mündigen Welt hat Gott sich selbst in Jesus Christus für das Leben der Welt hingegeben. Jesu entsagungsvolle Liebe am Kreuz weist uns den Weg zur Buße. Sie wird zur treibenden Kraft und zum Vorbild unseres Teilens.
Die Gegenwart des auferstandenen Herrn in der Kraft des heiligen Geistes verleiht uns die Fähigkeit, Schranken niederzureißen und Strukturen zu verändern, um den Weg für das Kommen des Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens zu bereiten.
Das in Christus durch den heiligen Geist geschenkte Leben macht aus uns ein neues Volk - Glieder des einen Leibes, die einer des anderen Last tragen und das Leben miteinander teilen, welches Gott allen gegeben hat.
In der Feier des Abendmahls bringen wir Gott uns selbst und die ganze Schöpfung in ihrer Zerbrochenheit dar und erhalten sie neu zurück. Das Abendmahl sendet uns in die Welt zurück, damit wir Christi Leib sind, der für das Leben der Welt gebrochen und geteilt wird.
Als Erstling der neuen Menschheit ist die Kirche aufgerufen, mit allen Menschen solidarisch zu sein, insbesondere mit den Armen und den Unterdrückten, und die Wertsysteme dieser Welt in Frage zu stellen.
Im Vertrauen auf die Gnade Gottes in Jesus Christus, der allein uns durch den heiligen Geist in Stand setzt, den göttlichen Willen gehorsam zu erfüllen, verpflichten wir, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Weltkonsultation über ökumenisches Miteinanderteilen, die wir aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengekommen sind, uns zu einer gemeinsamen Disziplin des Teilens mit dem ganzen Volk Gottes.
Bei allem Miteinanderteilen verpflichten wir uns:
1. Uns an einem vollständig neuen Wertsystem zu
orientieren, das auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
beruht. Dieses System wird das reiche Potential der menschlichen Gemeinschaften
und ihren kulturellen und spirituellen Beitrag wie auch die reichen Gaben der
Natur anerkennen und respektieren. Es wird sich grundlegend von den Wertsystemen
unterscheiden, auf denen die bestehende wirtschaftliche und politische Ordnung
beruht und die die Ursachen darstellen für die heutigen Krisen und
Gefahren, wie beispielsweise die nukleare Bedrohung oder die Umweltverschmutzung
durch die Industrie.
2. Ein neues Verständnis vom Teilen zu entwickeln,
in dem diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder Alters, aus
wirtschaftlichen oder politischen Gründen, aufgrund ihrer ethnischen
Herkunft oder körperlichen Behinderung oder weil sie Heimatlose,
Flüchtlinge, Asylsuchende oder Wanderarbeiter sind an den Rand der
Gesellschaft gedrängt werden, ihren Platz als gleichberechtigte Partner im
Zentrum aller Entscheidungsprozesse und Aktivitäten einnehmen. Das heißt beispielsweise, daß a) Kirchen, Rate und Netzwerke zu diesem Zweck nationale und regionale
ökumenische Mechanismen schaffen. b) in allen
Entscheidungsgremien für eine adäquate Vertretung von Frauen und
jungen Menschen gesorgt wird.
3. Uns im Kampf um Gerechtigkeit und Menschenwürde
in Kirche und Gesellschaft mit den Armen und Unterdrückten und deren
Organisationen zu identifizieren. Das bedeutet, daß wir jede Mitwirkung an
Formen des Teilens, ob als Geber oder als Empfänger, ablehnen, die diesen
Kampf untergraben.
4. Den Auftrag Gottes dadurch erfüllen, daß
wir auf allen Ebenen die Ursachen und Strukturen der Ungerechtigkeit aufdecken,
verurteilen und bekämpfen, die zur Ausbeutung der Reichtümer und der
Menschen der Dritten Welt geführt und Armut sowie die Zerstörung der
Schöpfung zur Flge haben. Gleichzeitig müssen wir auf eine neue
wirtschaftliche und politische Ordnung hinarbeiten. Das
würde beispielsweise bedeuten, daß sich die Kirchen im Norden und im
Süden verpflichten, die verschiedenen Anti-Atom-Bewegungen stärker zu
unterstützen und sich an ihnen zu beteiligen und ihre Regierungen zu
drängen, Atomtests sowie die Lagerung von Atommüll einzustellen. Es
würde ferner bedeuten, daß sie zusammen mit den Betroffenen den Kampf
gegen transnationale Konzerne, Militarisierung, ausländische Intervention
und Besatzung aufnehmen.
5. Menschen zu befähigen, sich zu organisieren und
sich als einzelne wie auch als Gemeinschaften ihrer Möglichkeiten und ihrer
Macht bewußt zu werden und auf Eigenständigkeit und Selbstbestimmung
hinzuarbeiten, die eine grundlegende Voraussetzung für Beziehungen der
Gegenseitigkeit sind.
6. Einander offen als Freunde auf der Grundlage
gemeinsamer Verpflichtung und gegenseitigen Vertrauens sowie von Bekennen und
Vergeben gegenüber-zutreten, einander laufend über alle Pläne und
Programme zu informieren und zur gegenseitigen Rechenschaftspflicht und
Korrektur bereit sein. Dies bedeutet zum Beispiel
für die Beziehungen zwischen dem Süden und dem Norden die praktische
Verwirklichung der gegenseitigen Rechenschafts-pflicht und wechselseitigen
Mitwirkung in den Entscheidungsprozessen.
7. Einander unsere Bedürfnisse und Probleme
mitteilen im Rahmen von Beziehungen, in denen es keine absoluten Geber und keine
absoluten Empfänger mehr gibt, sondern wo jeder Bedürfnisse zu
erfüllen und Gaben anzubieten hat, und dafür zu sorgen, daß in
den Institutionen des Nordens die hierfür erforderlichen strukturellen
Veränderungen vorgenommen werden.
8. Den ganzheitlichen Auftrag der Kirche im Gehorsam
gegen Gottes befreienden Willen in Wort und Tat voranzubringen. Wir sind
überzeugt, daß wir den Auftrag als Ganzes verzerren und
auseinanderreißen, wenn wir uns lediglich auf einen Teil konzentrieren.
9. Uns am Ringen der Menschen um Gerechtigkeit zu
beteiligen und auf diese Weise alle Schranken zwischen Religionen und
Weltanschauungen, die heute die Menschheitsfamilie trennen,
niederzureißen. Das bedeutet zum Beispiel,
daß Kirchen in Ost und West jede Gelegenheit nutzen, um den
Entspannungsprozeß voranzubringen, und die so freigesetzten Mittel und
Gaben für ökumenisches Miteinanderteilen verfügbar machen.
10. Uns den Aktivitäten internationaler
Einrichtungen (wie z.B. des Welt-währungsfonds und der Weltbank) zu
widersetzen, die die Völker des Südens ihrer Güter berauben,
indem sie sich z.B. deren hart verdientes Kapital, das mehr wert ist als die
ihnen zugehende Entwicklungshilfe, als Schulden zurückzahlen lassen und sie
damit in dauerhafte Abhängigkeit bringen. Stattdessen wollen wir uns
dafür einsetzen, daß der Reichtum und die Güter eines Landes,
einschließlich des Reichtums seiner Kirchen, vollkommen neu und gerecht
verteilt werden.
11. Gangbare Wege auszuarbeiten, wie Macht verlagert
werden kann, damit die Prioritäten und Bedingungen für die Nutzung der
Güter von denen festgelegt werden, denen sowohl die Güter als auch die
Macht unrechtmäßig vorenthalten werden, z.B. Bewegungen für
soziale Gerechtigkeit. Das würde bedeuten, daß
der Süden nicht unbedingt mehr wie heute üblich lediglich beratend an
den Entscheidungsprozessen teilnimmt.
12. Das wechselseitige Engagement von Kirchen und
Menschen im Süden, die zahlreiche gemeinsame Anliegen haben, zu erleichtern
und zu fördern, beispielsweise durch ökumenisches Miteinanderteilen.
13. Ökumenisches Teilen auf allen Ebenen - national,
regional und international - zu fördern und zu intensivieren.
Ökumenisches Miteinanderteilen wird auf allen drei Ebenen
stattfinden:
- auf Ortsebene
- auf Landes- oder Regionalebene
- auf internationaler oder interregionaler Ebene
Die Beziehungen zwischen Gremien auf den drei Ebenen des
Miteinanderteilens sollten durch Flexibilität, Komplementarität und
gegenseitige Machtteilung gekennzeichnet sein.
Auf allen Ebenen sollte das Ziel, innerhalb der
nächsten fünf Jahre eine adäquate Vertretung von 50% Frauen und
20% jungen Menschen in allen Entscheidungsstrukturen zu verwirklichen, anerkannt
und angestrebt werden.
Auf Ortsebene
Der Beschluß, von nationalen oder internationalen
Einrichtungen Mittel anzunehmen, sollte soweit wie möglich von der
Ortsgemeinde selbst gefaßt werden.
Dort, wo lokale ökumenische Gruppen und Ortskirchen
nicht zusammenarbeiten und somit nicht miteinander teilen, sollte dieser Prozess
durch Gemeinwesenarbeit gefördert und jede Anstrengung unternommen werden,
um Gruppen und Kirchen zur ökumenischen Zusammenarbeit anzuregen.
Auf Landes- und Regionalebene
Dort, wo es keine nationalen oder regionalen Gremien
für das Miteinanderteilen gibt, sollten sie umgehend eingerichtet werden.
Ihnen können Vertreter der Kirchen, ökumenischer Gruppen wie auch der
Basis- oder Volksbewegungen angehören, die sich dem Kampf für
Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung des ganzen Menschen verschrieben
haben.
Diese Gremien sollten ihre Zusammensetzung und
Tätigkeit wie auch die Machtstrukturen innerhalb und außerhalb der
Kirche einer ständigen kritischen Prüfung unterziehen, um ein
gerechteres und ausgewogeneres Miteinanderteilen zu verwirklichen. Sie sollten
Dialog und kritische Beurteilung erleichtern, indem sie Besuchsteams aus den
Kirchen und Gruppen einladen, mit denen sie Güter und Gaben austauschen.
Auf diese Weise unterstreichen sie die Gegenseitigkeit der Beziehung und
begünstigen das Miteinanderteilen von Macht. Internationale Einrichtungen
sollten sich an den Aktivitäten dieser Gremien nur dann beteiligen, wenn
sie dazu aufgefordert wurden.
Es ist wichtig, die Öffentliche Meinung in allen
unseren Ländern besser über die strukturellen Ursachen der
weltwirtschaftlichen Unordnung zu informieren. Das kann z.B. an theologischen
Ausbildungsstätten geschehen, indem man Augenzeugen aus Partnergruppen
einlädt, von ihren Erfahrungen zu berichten.
Kontrollmechanismen für das Miteinanderteilen lassen
sich am wirksamsten auf regionaler Ebene einrichten.
Auf internationaler Ebene
Ökumenisches Miteinanderteilen auf internationaler
Ebene setzt eine gleichberechtigte Vertretung aller beteiligten Partner voraus.
Sie sollten die nationalen/regionalen und die lokalen Entscheidungsgremien
ergänzen, z.B. durch partnerschaftliche Programme und durch den Austausch
aller erforderlichen, einschließlich der finanziellen, Informationen
über Projekte/ Programme unter den beteiligten Partnern.
Alle Weltweiten Christlichen Gemeinschaften und
ökumenischen Organisationen sind aufgerufen, sich aber den ÖRK, am
ökumenischen Miteinanderteilen zu beteiligen und sich der Disziplin
anzuschließen, die von dieser Konsultation verabschiedet werden wird.
Der ÖRK wird aufgefordert, seine bestehenden
Programmeinheiten und Untereinheiten besser ineinander zu integrieren und die
Weiterleitung seiner Mittel durch die bestehenden Kanäle soweit wie
möglich zu koordinieren.
Es wird empfohlen, daß der ÖRK eine
Möglichkeit vorsieht, um die Einhaltung der auf dieser Konsultation
erarbeiteten Disziplin zu überprüfen.
Wir selbst werden diese Disziplin befolgen. Wir werden
uns bemühen, ein Klima zu schaffen, in dem sie verstanden und angenommen
werden kann. Wir werden unsere Kirchen, ihre Mitglieder und ihre Hilfswerke
auffordern, sie sich zu eigen zu machen.
Wir werden darauf hinarbeiten, daß diese Disziplin
auch außerhalb der ÖRK-Mitgliedschaft angenommen wird. Wir werden die
Zusammenarbeit verweigern, wenn diese Disziplin ausdrücklich abgelehnt
wird. Wir werden Gelegenheiten für neue ökumenische Partnerschaften
schaffen, damit Kirchen unterschiedlicher Traditionen und Konescore einander
bereichern können.
Wir werden einander in unserer Verpflichtung
unterstützen. Wir werden voreinander und damit vor Gott in spätestens
drei Jahren Rechenschaft darüber ablegen, wie wir unsere Worte in Taten
umgesetzt haben.
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